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Das Leben ist ein Scherbenhaufen: Mit Krisen umgehen lernen

DAS LEBEN IST EIN SCHERBENHAUFEN: MIT KRISEN UMGEHEN LERNEN

Während meiner Sommerpause sitze ich mitten in Italien. La dolce vita. Möchte man meinen. Ich möchte euch heute aber etwas sehr Persönliches erzählen. Wahrscheinlich wird es der persönlichste Blogartikel überhaupt. Es geht um eine der größten Krise bzw. Herausforderungen meines bisherigen Lebens. Viel näher möchte ich darauf nicht eingehen. Was ich hiermit bezwecken und was ich gerne mit euch teilen möchte, ist, wie ich mich die letzten Wochen gefühlt habe. Wie sich die Anfänge dieser Krise angefühlt haben, welche Erkenntnisse ich bisher hatte und wie ich mit all dem umgegangen bin. Wie ich mit Schritt für Schritt berappelt habe, wie Heilungsprozesse aussehen können und was mir geholfen hat. Ich möchte euch Beispiele nennen, wie ich meine Stärke, insofern es in diesem Zusammenhang überhaupt der richtige Begriff ist, wieder gefunden und peu a peu neu aufgebaut habe, sowie welche Möglichkeiten und Chancen ich darin sehe, an Zeiten wie diesen wachsen zu können und wie man diese für sich selbst nutzen kann. Die Dinge, die ich schreibe, sind rein subjektiv und persönlich und keinesfalls allgemeingültig. Ich kann und möchte rein aus meiner eigenen Perspektive und Gefühlslage berichten. Natürlich hoffe ich, dass ihr euch den ein oder anderen Gedanken mitnehmen könnt.
Vor einiger Zeit habe ich noch eher flapsig gesagt, dass ich den lieben langen Tag über Glück spreche, aber so richtiges „Unglück“ noch nie erlebt habe. Natürlich gab es schon viele Trennungen, Krankheiten und Todesfälle in meinem Leben bzw. in meinem Umfeld, aber es waren meistens sanfte Abschiede oder zumindest in irgendeiner Form zu (be)greifen, so dass man damit umzugehen wusste.
Das sind auch die drei größten Krisen, die ich mir persönlich vorstellen kann und mit denen ich bisher schon in Berührung kam: Auseinandergehen von zwischenmenschlichen Beziehungen, das Fehlen von Gesundheit (bei einem selbst oder nahestehenden Menschen) und der Tod samt Abschied. Verbunden mit der Akzeptanz und dem Schmerz der Veränderung, das Erlernen von Loslassen und dem Aufgeben von ach so perfekt geschmiedeten Lebensplänen.
Mit Sicherheit gibt es noch eine Million mehr Schicksalsschläge, gerade auch, wenn man das Weltgeschehen samt Kriegen, Hass, Klimakatastrophen und Hungersnöten betrachtet. In diese kann ich mich – zum Glück – in keinster Weise hineinversetzen, deshalb erhebe ich auch keineswegs den Anspruch, darüber zu schreiben.

MIT DER ABRISSBIRNE DURCH’S PARADIES.
Oft habe ich gesagt, dass ich solch ein glückliches Leben habe – natürlich samt aller dazugehörigen Höhen und Tiefen – aber dennoch hat sich auch manchmal ein schlechtes Gewissen eingeschlichen. Ich war immer „gespannt“, wann es mich denn „erwischt“. Wahrscheinlich habe ich nicht deutlich genug auf Holz geklopft, aber diese Abrissbirne durch’s Paradies kam dann doch absolut unverhofft und hat mich daher umso mehr mit aller Wucht getroffen und das Leben auf den Kopf gestellt. Ich fühlte mich schwindelig und wie betäubt. Es schien als wurde mir der Boden unter den Füßen weggerissen.
Und dieses Bild ist wohl das passendste für diese Gefühlslage, gerade in den Anfängen einer Krise oder eines Schickalschlags. Ich möchte behaupten, ich stand mit beiden Beinen im Leben und während man nichtsahnend seines Weges geht, passiert es und plötzlich macht sich unter einem eine Falltür auf und man wird einfach verschluckt. Ohne Vorwarnung. Dann sitzt man wortwörtlich in diesem schwarzen Loch. Man hat keinen blassen Schimmer, was man tun soll. Man erkennt keinen Ausweg, keinen Lichtstrahl. Im wahrsten Sinne des Wortes ist man auf die Fresse gefallen und die Kraft zum Aufstehen reicht nicht aus. Man kauert. Ohne jeglichen Funken der Hoffnung und der Fähigkeit, Auswege oder neue Chancen zu sehen.
Das einzige, was man durch und durch spürt, ist Angst und Schmerz. Und zwar nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Diese wiederkehrende Schwall an Emotionen, gerade in den ersten Tagen, der war so intensiv und heftig, dass ich unberechenbar war und ihn überhaupt nicht zu kanalisieren wusste. Es fühlte sich an wie kleine Panikattacken, der Anflug von einem überrollenden Gefühl, was einen lähmt, die Lunge zusammenschnürt, flacher Atem, hoher Blutdruck, rasendes Herz. Die Gedanken sind kurzsichtig, der Fokus ist klar auf das Problem gerichtet, keine Chance auf Optimismus und Rationalität. Emotionen pur. Ich sackte in mir zusammen und versank in mir, der Problematik, dem Gedankenstrudel, auch in Selbstmitleid und Weltschmerz. Das einzige, was man machen kann, ist, weitermachen. Weiteratmen. Darauf hoffen, dass in der nächsten Sekunde sich dieses Gefühl wieder verflüchtigt. Das „Schöne“ daran (wenn man davon reden kann) ist, dass das immer wieder der Fall ist. Aus eigenem Antrieb heraus oder weil ich das größte Glück habe, in meinen engen und nahestehenden Menschen eine Art Ventil zu haben, sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anzurufen, mich in ihre Arme zu schmeißen, zu weinen, ihnen sinnlose Fragen zu stellen, auf die kein Mensch eine Antwort hat. Gar nicht mit der Hoffnung auf Lösungen, sondern als emotionales Auffangnetz für all meine Gedanken, Gefühle und Ängste. Im Nachhinein betrachtet war diese bedingungslose Annahme frei von jeder Bewertung und ohne abschwächende Floskeln mitunter meine Rettung.

YOU DON’T HAVE TO GIVE NAMES TO THINGS.
Eine gute Freundin gab mir mal den Rat mit auf den Weg „You don’t have to give names to things.“
Man muss Dingen keine Namen geben, man muss sie nicht bezeichnen, erklären und definieren. Das trifft auf so viele Lebensbereiche, Situationen, Gefühle, Beziehungsstati und Lebensabschnitte zu, die einfach sein dürfen, ohne betitelt werden zu müssen. Vielleicht verlieren sie dadurch auch ab und zu den Zauber.
Dieser offene Status des Seins, in dem ich mich gerade befinde, von dem möchte ich berichten.

ALLES WIRD GUT?!
So abgedroschen es klingen mag, wenn man sagt – egal in welcher Misslage man sich befindet, such doch nach dem Positiven in dieser Situation!
Wenn man da mitten drin steckt, möchte man davon nichts hören und nur wegrennen. Genauso sparen kann man sich sämtliche Kalendersprüche. Dann lieber nur dasitzen, festhalten, schweigen und zuhören. Nicht abwiegen, nicht bewerten, nicht relativieren. Schmerz lässt sich nicht rational betrachten und erklären.
Und trotzdem kann ich es bestätigen: Ja, es wird alles wieder gut. Oder zumindest besser. Wie und wann – keine Ahnung, aber es wird es. Ja, das Leben geht weiter. Wenn man an solch einem Punkt angelangt ist, kann es zwangsläufig nur wieder bergauf gehen. Und auch die positiven Seiten an solchen Phasen erkennt man erst meist im Nachhinein mit einem gewissen Abstand. Zeitlichem, geistigem, physischem oder emotionalem Abstand. Für mich zum Beispiel ist es der Fakt, dass diese Krise mich genau jetzt umhaut. Der Zeitpunkt ist perfekt für diese wachrüttelnde Ohrfeige des Lebens. Ich stand sowieso kurz vor der ministerialen Sommerpause. Diese habe ich mir zwar wahrlich anders vorgestellt, aber nun habe ich Zeit geschenkt bekommen, um mich mit der Situation und auch mit mir intensiv auseinander zu setzen. Ich habe Zeit geschenkt bekommen, in der ich im Alltag womöglich gar nicht fähig gewesen wäre, als Glücksministerin zu arbeiten, weil ich selbst am Boden war. Ich musste sogar auch schweren Herzens zu Beginn den letzten Auftrag vor der Auszeit absagen, aus dem Grund, weil ich körperlich und geistig nicht in meiner Kraft war, um durch Deutschland zu reisen und authentisch über das Glück zu sprechen. Eine der größten Ansprüche an mich selbst sind Authentizität und Glaubwürdigkeit und das war in dieser Lage schlichtweg nicht gewährleistet. Das persönliche Eingeständnis, dass ich aktuell nicht kann und das auch in Ordnung ist, war wichtig für mich! Ich darf nein sagen, ich darf um Hilfe bitten. Ich darf mich selbst in den Fokus setzen und mich um mich und mein Glück kümmern.

ZEIT IST KRASS, ABER DU BIST KRASSER.
Als eine Freundin mich kürzlich fragte, ob ich denn realisiere, welche Fortschritte ich mache, war meine Antwort: „Ja… Zeit ist wirklich etwas krasses.“
Zeit heilt alle Wunden, bla bla. Irgendwie ist es doch vielleicht wahr. Sie meinte aber, nein, Zeit alleine sei es nicht. „Zeit ist krass, aber du selbst bist krasser. Du machst diese Fortschritte, du ganz alleine.“ Tag für Tag wird man stärker, atmet tiefer, malt das Leben wieder bunter aus. Klar gibt es Rückfälle, aber so lange man immer zwei Schritte nach vorne macht, kann man ab und zu getrost auch innehalten oder gar einen zurück machen.

AM ENDE BLEIBST NUR DU.
Ich durchlebe aktuell den intensivsten und emotionalsten Sommer meines Lebens. Der schlimmste und gleichzeitig interessanteste zugleich, da ich selten soviel über mich und das Leben gelernt habe. Wie es weitergehen wird, weiß momentan noch niemand und mit dieser Ungewissheit und dieser von mir nicht gerade gut ausgeprägten Fähigkeit der Geduld muss und möchte ich in die Zukunft schauen.
Wann auch immer das hier nun genau veröffentlicht wird, es ist egal, wie es ausgeht, ich möchte von meiner Reise berichten, wie ich mit den momentanen Gefühlen umgehe, von dieser Reise zu mir selbst.
Ich möchte Hoffnung machen, darauf, dass jeder von uns die Chance und die Möglichkeit hat, diese Stärke auch oder vor allem in sich selbst zu finden und dass das möglicherweise der einzige Weg ist, mit Krisen und Schicksalsschlägen umzugehen. Denn am Ende ist man selbst das einzige, was bleibt. Ganz am Ende ist man allein.

DIE VERSCHIEDENEN PHASEN.
Der Moment, wenn einem eine schlechte Nachricht übermittelt wird, mit der man nicht rechnet, ist das wie ein Schlag in die Magengrube, man kommt sich vor wie im falschen Film und man schaut sich selbst dabei zu. Ungläubig und gelähmt. Manchmal laufen sofort die Tränen, Angst macht sich breit, manchmal ist man ganz ruhig, schockiert und möchte es nicht wahrhaben.
Dieses Unverständnis begegnete mir vor allem auch in den ersten Tagen im Alltag, wenn ich, wie in Watte gepackt, vor die Haustür ging und es nicht fassen konnte, wie alle anderen genau so weiter machen wie bisher. Das macht doch alles keinen Sinn? Ich war zutiefst empört.
Ich fühlte mich unendlich unfair behandelt: Wie kann mir das passieren? Warum gerade ich?
Gefolgt von Verzweiflung und der nicht gerechten Fehlersuche, was ich hätte anders machen können? Hätte ich irgendetwas verhindern oder rauszögern können?
Auch Wut und Trotz waren mit dabei, meine Gefühlspallette hat wirklich nichts ausgelassen, ich konnte und wollte auch nichts unterdrücken: Jedes Gefühl ist willkommen und darf anerkannt werden, um weiterziehen zu können.
Gefolgt, dank der Zeit, von einer gewissen Gelassenheit, eine Art Akzeptanz, einem wieder aufgebauten Urvertrauen in mich und das Leben.
Die Phase der Sinnsuche und des Herausfilterns von Erkenntnissen baut auf und macht Hoffnung auf alles, was kommt.
Ich habe in letzter Zeit viel gelesen, unter anderem auch „Option B – Wie wir durch Resilienz Schicksalsschläge überwinden und Freude am Leben finden“ von Sheryl Sandberg und Adam Grant. Hier werden auch nochmal die fünf Phasen des Trauermodells von Elisabeth Kübler-Ross erwähnt:
Verleugnung, Zorn, Verhandeln, Depression und Annahme. Es wird aber auch erwähnt, dass es nicht unbedingt abgetrennte Stadien sind, sondern dass all das auch ineinander fließend übergehen kann. Und das kann ich bestätigen.

MEINE LEARNINGS.

Überleben
In den ersten Tagen nach einer schlimmen Nachricht scheint es schier unmöglich zu sein, die eigenen Grundbedürfnisse wahrzunehmen und zu erfüllen. Appetit gibt es keinen, getrunken wird das Nötigste, Schlafen scheint unmöglich bei diesem Gedankenstrudel – zu groß ist die Gefahr, dass man aufwacht und denkt, es sei ein Alptraum gewesen. Nichts ist schlimmer als das Realisieren, dass es die Wahrheit ist.
Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass man bei Kräften ist. Also: Schlafen, essen, trinken. Ein warmer Kakao und eine noch wärmere Dusche.
Fragt eure Lieblingsmenschen konkret nach Unterstützung, bittet sie, bei euch zu übernachten, euch zu kochen, zu putzen, einzukaufen, das hilft.
Und das Allerwichtigste: Vergesst das Atmen nicht. Der Atem ist gerade in der Anfangsphase meist sehr flach, je nach emotionalem Zustand hyperventiliert man zeitweise. Atmet tief und ruhig, sechs Sekunden einatmen, halten, sechs Sekunden ausatmen…

Netzwerk
Das soziale Auffangbecken ist Gold wert und ihr werdet staunen, wie viele Menschen sich um euch sorgen, spontan da sind, einspringen und helfen. Ich bin dankbarer denn je für all die tollen Menschen in meinem Umfeld. Das ist wahrer Reichtum. Danke von ganzem Herzen.
Schnappt euch gute Freunde, eure Familie, fahrt weg. Tapetenwechsel hilft dabei, den immer wieder kehrenden Film zu unterbrechen.
Außerdem neigt man dazu, sich in den Federn zu verkriechen und im Leid zu versinken. Also raus aus dem Bett und rein in die sozialen Kontakte. Umgebt euch mit Menschen, die euch gut tun. Ablenkung, Freude, Genuss und Lachen sind nicht verboten, selbst, wenn man trauert.

Akzeptanz
In vielen Situationen bleibt einem manchmal nicht viel mehr übrig, als sich in Akzeptanz und Geduld zu üben. Das klingt leichter als es ist.
Natürlich kann man sich immer fragen: Kann man aktuell etwas tun und verändern? Kann man helfen, umstimmen, zur Genesung, Bewältigung oder was auch immer aktiv beitragen?
Aber letztlich geht es darum, anzunehmen was ist, mit allem, was dazu gehört.
Dann kann man peu a peu darauf aufbauen und daraus lernen.

Natur
Mir hat die Stille in der Natur unglaublich geholfen. Wobei ich anfangs Bedenken hatte, dass die Abgeschiedenheit mein Gedankenkarussell befeuert, war das komplette Gegenteil der Fall. Mich in Achtsamkeit zu üben, den Vögeln zu lauschen, die unbändige Schönheit des Waldes zu genießen und mich ganz klein und unwichtig zu fühlen, tat mir unglaublich gut. Waldbaden ist nicht umsonst ein Heilmittel.

Bewegung
Sich aufzurappeln und dem Grübeln wortwörtlich wegzulaufen, kann auch sehr gut helfen. Verausgaben, anstrengen, über eigene Grenzen hinausgehen, kleine Erfolge feiern und sich anschließend mit einer Leckerei belohnen, um danach wieder neue Kräfte zu sammeln. Für den nächsten Sprint, egal ob in emotionaler oder physischer Form.

Offenheit
Ich kann zum Glück nicht anders als offen über meine Gefühle zu sprechen. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, kann ich keine Maske aufsetzen, wenn ich mich schrecklich fühle. Diese Offenheit kommt manchmal ungewollt zu Tage, zum Beispiel, wenn einem im Supermarkt Erinnerungen überkommen oder das falsche Lied im Autoradio läuft, dann kann es schon sein, dass die Tränen fließen.
Beim Frisör ging es mir so und erst war es mir sehr unangenehm. Aber was erwartete mich? Absolutes Verständnis, warme Worte und herzhafte Umarmungen.
Oft haben die Menschen ähnliches erleben müssen und wissen nur allzu gut wovon man spricht. Offenheit fördert also auch Verbundenheit.

Alleinsein
So sehr ich die Anwesenheit meiner Lieblingsmenschen geschätzt habe, so sehr habe ich auch die Einsamkeit gebraucht. Die absolute Stille. All ein sein.
Nur so kann man den Gedanken wirklich achtsam folgen, sich treiben lassen und Bedürfnissen lauschen. So lernt man sich kennen. Ich habe zum Glück ein sehr gutes Verhältnis mit mir, gehe mit mir selten ins harte Gericht, zweifel nicht zuviel, tue mir Gutes, weiß um meine Gefühle und Bedürfnisse. Aber diese intensive Zeit half mir nochmals dabei, vieles klarer zu sehen und mich selbst nochmal neu und anders zu verstehen.
Kümmert euch gut um euch, macht jeden Tag mindestens eine Sache, die euch gut tut, die Freude bereitet, die eurer Seele schmeichelt.
Es ist gerade in Zeiten der Krisen und Katastrophen wichtiger denn je ein gutes Verhältnis und Gefühl mit sich selbst zu haben. Deswegen sind Selbstwert, Selbstliebe und Selbstfürsorge das absolute A und O!

Schreiben
In schwierigen Zeiten können Emotionen schnell überschwappen. Meine emotionalen Phasen waren turbulent und haben mich oft überfordert.
Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, ein ständiges auf und ab, so dass einem schwindelig und schlecht werden konnte.
Was mir hier sehr geholfen hat, war das Aufschreiben der Zustände. So konnte ich die Gefühle besser erkennen, einordnen, relativieren oder annehmen.
Schreiben generell ist eines meiner Wundermittel. Egal, ob Ideen, Fragen, Glaubenssätze, Wünsche, Pläne, Werte, Interessen – alles findet in meinem Notizbuch Platz und entlastet somit ein bisschen meinen Kopf und mein Herz. Besonders und für viele hilfreich, sind (Liebes)Briefe. Nutzt solche Zeiten, um euch bei den Menschen zu melden, die euch nahe stehen, um eure Dankbarkeit auszudrücken, wie froh es euch macht, dass sie in eurem Leben sind, dass sie womöglich gesund sind und inwiefern sie euch schon geholfen haben oder welch positiven Gefühle ihr mit ihnen verbindet. Macht das, so lange sie noch da sind. Das wird Wunder wirken, auf beiden Seiten. Und vergesst euch selbst dabei nicht, schreibt doch auch euch selbst einen Brief. Schreibt die Dinge auf, die ihr einem guten Freund raten würdet, wenn er sich in eurer Situation befinden würde. Was würdet ihr sagen? Welche Tipps hättet ihr parat? Seid euer eigener bester Freund und probiert es aus.

Fragen
Stellt euch viele Fragen, nutzt diese Phase des Lebens, egal was passiert ist, um euch neu zu strukturieren. Es ist auch eine Chance, eure Denkmuster, Glaubenssätze und Wünsche genau unter die Lupe zu nehmen. Diese Fragen haben mir unter anderem geholfen, neue Erkenntnisse und Perspektiven zu gewinnen:
Was brauche ich?
Wie stelle ich mir das Leben vor?
Was fehlt mir?
Was raubt Kraft?
Wer oder was gibt Energie?
Was ist für mich Liebe?
Was ist Tod?
Was ist mir wichtig?
Was sind meine bisherigen Erkenntnisse im Leben?
Was will ich ändern und angehen?
Worauf bin ich stolz?
Was tue ich mir Gutes?
Was sind meine Säulen des Lebens?

Löffelliste
Habt ihr eine Löffelliste? Eine „Bucket List“ mit Dingen, die ihr gerne machen möchtet, bevor ihr sterbt und den Löffel abgebt?
Ich hatte mir vorher noch nie konkret eine geschrieben, aber als ich das Buch „Das Ende ist mein Anfang“ von Tiziano Terzani gelesen habe und mir dieses Zitat ins Auge fiel: „Ich habe alles getan, was ich wollte, ich habe ungeheuer intensiv gelebt, und ich habe nicht das Gefühl, ich hätte irgendetwas versäumt.“ – da wusste ich, ich möchte für mich genauer herausfinden, was für mich intensives Leben bedeutet. Gar nicht so leicht.
Emotionen gehören dazu, mit allem drum und dran, mit allen Höhen und Tiefen. Tiefgründige, außergewöhnliche Erfahrungen und Abenteuer. Ehrliche und menschliche Begegnungen und Beziehungen. Kennenlernen von Kulturen, Reisen, das Erkunden der Welt. Stille genießen und naturverbunden leben. Etwas weitergeben und wachsen sehen. Und so vieles mehr. Das konkrete Aufschreiben meiner Wünsche und Ansichten half mir dabei, neue Perspektiven einzunehmen und hat zu sehr vielen Aha-Erlebnissen geführt.

Planlos
Wenn ich eines aus dieser Zeit gelernt habe, dann, dass man sowieso nichts im Leben planen kann. Passend dazu die Aussage einer weiteren Freundin als Antwort darauf, dass ich mir nun vornehmen wollte, einen Masterplan zu schmieden, um festzulegen, was passiert, wenn X oder Y eintritt. Und was sagte sie mir kühn ins Gesicht?
„Fuck your Masterplan!“
Es bringt rein gar nichts, bis ins Detail zu zerdenken, wie nun die Situation und das Leben weiter zu verlaufen hat. Das ist reine Ratio. Das Leben findet aber nicht nur im Kopf statt. Deshalb heißt es: Schritt für Schritt und immer – Tag für Tag auf’s Neue – darauf achten, was das Herz sagt.
Und es stimmt, mit jedem einzelnen kleinen Schritt bekommt man mehr Kraft, wird stärker, bekommt wieder Selbstvertrauen in sich und das Leben, Hoffnung und Freude.
Jeden Tag schmerzt das Herz ein ganz winziges bisschen weniger, die Atemzüge gehen tiefer und die Sicht wird klarer. Nicht immer, aber immer öfter. Garantiert.

Ein schönes Zitat von Tedeschi und Calhoun habe ich im Buch „Option B“ noch dazu passend gefunden:
„Ich bin verletzlicher, als ich dachte, aber stärker, als ich es mir je träumen ließ.“

GLÜCK IST VERÄNDERUNG.
All das hat wohl auch etwas mit Glück zu tun, aber das werde ich wohl erst rückblickend richtig erkennen und einordnen können.
Währenddessen will man nichts davon wissen, all die Dinge, die man in der Theorie über Optimismus, positive Einstellung dem Leben gegenüber oder Resilienz weiß, interessieren einen nicht die Bohne. Die Anfangszeit ist so intensiv und heftig, dass man rein mit Überleben beschäftigt ist.
Und das ist in Ordnung und menschlich. Sich berappeln, die Ärmel hochkrempeln und sich überlegen, wie die nächsten konkreten Babysteps aussehen können, kann man immer noch. Alles zu seiner Zeit. All das ist ein Heilungsprozess und das geht nun mal nicht von heute auf morgen.

In „Option B“ war auch zu lesen, dass es laut der University of Pennsylvania auch eine Art „Posttraumatisches Wachstum“ gibt, das heißt, Menschen, die Schlimmes erlebt haben, sind teilweise danach durchaus in der Lage über sich hinaus zu wachsen und großartiges daraus zu ziehen. Es gibt diese fünf Formen dieses Wachstums:
Persönliche Stärke finden, Wertschätzung gewinnen, tiefere Beziehungen eingehen, mehr Sinn im Leben finden und neue Möglichkeiten sehen.
Das finde ich höchst spannend und es belegt die Aussage, dass man aus jeder Krise etwas ziehen und lernen kann, so schwarz und unendlich das Loch manchmal zu sein scheint, in das man fällt.

Ich fühle mich Tag für Tag stärker und hoffnungsvoller. Es wird frischer Wind kommen, der das Leben durcheinander wirbelt, das steht fest. Das Leben besteht doch aber sowieso aus vielen kleinen Neuanfängen. Es liegt also an uns, wie wir die Segel setzen und uns entscheiden, in welche Himmelsrichtung es weitergeht.

Zum Schluss möchte ich euch gerne noch eine kleine Anekdote erzählen, die ich hier in Italien erlebt habe:
Ich laufe mit meinem Hund Gretel auf einem Waldweg, das Licht bricht sich in den Baumwipfel, der warme Wind tut gut. Während ich mit meinen Gedanken ein Wettrennen veranstalte, entdecke ich auf dem Waldweg bunte Scherben. Überall sind kleine Einzelteile alter Fließen zu finden in den schönsten Farben strahlen sie mich an. Welch ein Bild: Da liegt er vor mir: Der Scherbenhaufen meines Lebens. Ich kann meinem Sammlertrieb nicht widerstehen und fange an, die kleinen bunten Bruchstücke in meinen Wanderrucksack zu stecken. An jeder Ecke entdecke ich noch eine schönere Scherbe mit noch leuchtenderen Farben und sie erinnern mich daran, welche Formen das Leben doch annehmen kann, wenn man gewillt ist, genauer hinzusehen.
Zu Hause werde ich aus meinen Fundstücken eine farbenfrohe Installation machen, ein Mosaik als Sinnbild für die Vielseitigkeit des Lebens. Dies wird als Erinnerung an die Wand gehängt, ein Reminder an eine Zeit, in der ich dachte, dass mein Leben in Scherben liegt, ich aber realisiert habe, dass ich es im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand habe, kreativ zu werden und etwas Neues und Schönes daraus zu gestalten.

Ich hatte mal eine persönliche Glücksformel für mich erstellt, wie wahr diese ist, wird mir nun wieder mehr denn je bewusst:
„Glück ist Veränderung. Alles ist im Wandel, im Fluss. Glück besteht darin, dies anzunehmen und im Positiven für sich zu nutzen. Dies bedeutet auch, Chancen zu erkennen und mutig genug zu sein, sie wahrzunehmen.“