30. November 2025

Das Programm „Mental Health Coaches“ wird eingestellt – warum das ein fatales Zeichen an unsere Jugend ist

Millionen werden gekürzt, Programme für Mental Health eingestampft und was bleibt, ist eine Jugend, die am Limit ist. Wir geben euch eine Übersicht.
Mehrere bunte Post-its an einer Wand mit handgeschriebenen Zitaten von Jugendlichen über Selbstzweifel, Angst und Überforderung.

Dass das Programm Mental Health Coaches eingestellt wird, obwohl klare Bedarfe bestehen, macht uns vom Ministerium für Glück und Wohlbefinden fassungslos. Aus diesem Anlass nehme ich euch gerne mal mit in meinen Arbeitsalltag und zeige euch Zitate, die ich regelmäßig von Jugendlichen höre. Lasst sie gerne einmal auf euch wirken: 


“Ich bin nicht gut genug.”
“Auf mir lastet ein unerträglicher Druck.”
“Ich fühle mich wertlos.”
“Jeden Tag kämpfe ich mit meinem Körperbild.”
“Ich habe schwere Depressionen und niemand versteht mich.”
“Regelmäßig fühle ich mich einsam und unverstanden.”
“Ich habe Angst vor der Zukunft!”
“Oft komme ich nicht aus dem Bett und habe keinerlei Orientierung.”

Diese Liste könnte ich leider unendlich fortführen…Das sind Aussagen von jungen Menschen, denen ich regelmäßig in Schulworkshops begegne. Wenn wir über Ängste und Sorgen sprechen, dann nehmen sie sich ein Herz und stellen sich vor die ganze Klasse, die Herzen klopfen, die Hände kneten sich, nicht selten fließen Tränen, da endlich mal bewertungsfrei ausgesprochen werden darf, womit Jugendliche tagtäglich zu kämpfen haben. Danach: Stille, Umarmungen, Erleichterung – irgendwie scheint es allen so zu gehen, nur niemand spricht darüber.

Manche fehlen wegen mentaler Probleme so oft im Unterricht, dass sie ihren Abschluss gefährden; so berichtete kürzlich eine Schülerin im Interview mit dem NDR. Solche Geschichten gehen mir jedes Mal ans Herz und nicht selten sitze ich mit feuchten Augen da und muss selbst erst einmal durchatmen. Auch all die Lehrkräfte, mit denen ich im Rahmen unserer Fortbildung in Positiver Psychologie zusammen arbeite, sprechen genau das an:

“Wir brauchen dringend Hilfe für die junge Generation! Alle sind am Limit!”

Die mentale Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen steht angesichts zunehmender psychischer Belastungen massiv unter Druck. Das zeigen zahlreiche aktuelle Studien und Befragungen der letzten Jahre. Ein kurzer Einblick:

  • Deutsche Schulbaromater (2024, Robert Bosch Stiftung): Mehr als 25 % der Schüler:innen bewerten ihre eigene Lebensqualität als gering.
  • COPSY‑Studie (2024): Auch Jahre nach der Pandemie berichten deutlich mehr Kinder und Jugendliche über psychische Belastungen als vor 2020.
  • HBSC‑Studie Deutschland (2025): Jugendliche zeigen eine schlechtere mentale Gesundheit und weniger Wohlbefinden. Besonders Mädchen berichten häufig von Einsamkeit, Stress und geringerer Lebenszufriedenheit.

Mentale Gesundheit stärken

Wir alle wissen: Mentale Gesundheit ist kein Nice-to-have, sondern eine Voraussetzung für ein gelingendes Aufwachsen, für Teilhabe und für ein gutes Leben. Wer als Kind und Jugendlicher seelisch gesund ist, kann besser lernen, fühlt sich alltäglichen Herausforderungen besser gewachsen und gibt diese Fähigkeiten in späteren Lebensphasen auch weiter – hier gilt es zu investieren und zu unterstützen!

Es gibt großartige Menschen und Initiativen, die genau hier ansetzen. Unter anderem die  SOS-Mental Health Peers. Das Präventionsprogramm sensibilisiert Kinder, Jugendliche und auch pädagogische Fachkräfte für das Thema Mentale Gesundheit und stärkt den Umgang mit psychischen Belastungen. Durch den Peer-to-Peer Ansatz nehmen Jugendliche eine aktive Rolle ein und begleiten Gleichaltrige in diesen Themen – zusammen mit Fachkräften. Das Programm wird (noch) vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert und ergänzte bisher hervorragend das Programm „Mental Health Coaches“.

Grafik mit großem weißen Text auf schwarzem Hintergrund: ‚UNS GEHTS GUT?‘.

Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle auch die Aufklärungsarbeit von Quentin Gärtner, Vertreter der Bundesschülerkonferenz, und seinem Team, die mit ihrer Kampagne „UNS GEHTS GUT?“ beschreiben, wie „Leistungsdruck, Überforderung und die Angst zu versagen“ für viele junge Menschen Alltag sind. Viele kämpfen mit Schlaflosigkeit, Panikattacken oder Erschöpfung. In den vergangenen Wochen haben sie unfassbar wertvolle Aufklärungsarbeit in den Medien betrieben und wir drücken alle Daumen, dass diese Stimmen noch lauter werden!

>> Hier findet ihr die Forderungen der Bundesschülerkonferenz

Das Programm „Mental Health Coaches“

Um genau diesen Herausforderungen etwas entgegenzusetzen, wurde im September 2023 vom Bundesjugendministerium das Programm Mental Health Coaches ins Leben gerufen – unter dem Motto „Sagen, was ist. Tun, was hilft.“

Das Programm schafft für Jugendliche geschützte Räume, in denen sie offen über Belastungen sprechen, Wissen über psychische Gesundheit erwerben und ihre eigene Resilienz stärken können. Die Mental Health Coaches – Fachkräfte aus Sozialpädagogik, Sozialarbeit oder Psychologie – bieten verlässliche Ansprechpartner:innen, stärken junge Menschen in schwierigen Situationen und zeigen Wege zu weiterer Unterstützung auf.

Die Angebote wurden eng an die Strukturen der teilnehmenden Schulen angebunden und ergänzten bestehende präventive Maßnahmen sowie lokale Beratungs- und Hilfsangebote. So entstand ein niedrigschwelliger Zugang zu Unterstützung, der genau dort ansetzt, wo Jugendliche den größten Teil ihres Alltags verbringen: in der Schule.

Fakten zum Programm: 

  • Ziel dieser niedrigschwelligen Unterstützung ist es unter anderem, Stigmatisierung abzubauen und Resilienz zu fördern. 
  • Über 60.000 Schüler:innen haben zwischen September 2023 und Februar 2025 an mehr als 1.600 Angeboten teilgenommen.
  • Das Programm wird von einem großen Teil der Schulleitungen als wertvolle Ressource bewertet.
  • Die begleitende Evaluation der Universität Leipzig bestätigt die hohe Akzeptanz, den klaren Bedarf und den nachweisbaren Nutzen des Programms.
  • Das Programm wirkt direkt auf den Wunsch von vielen Schulleitungen nach mehr multiprofessioneller Unterstützung, um psychische Belastungen der Schüler:innen besser auffangen zu können (Cornelsen-Schulleitungsstudie, 2025).

Trotz dieser positiven Ergebnisse soll das Mental-Health-Coach-Programm zum 31.12.2025 vollständig eingestellt werden. In einer hib-Kurzmeldung des Deutschen Bundestages vom 18.11.2025 heißt es, das Programm werde beendet aufgrund „zu geringen Nutzens in der Fläche und fehlender nachhaltiger Mittelverwendung“. 

Gleichzeitig wird der neue Titel „Hilfen und vorbeugende Unterstützung bei psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen“ um 6 Millionen Euro gekürzt. 80 % der Mittel werden zudem gesperrt, solange kein neues Konzept vorliegt.

Haushaltsbeschluss mit widersprüchlichem Signal

Wie können solche Entscheidungen entstehen? Der Haushaltsausschuss hat den Einzelplan 17 (Bildung/Familie/Jugend) umfassend überarbeitet.

Das wurde erhöht:

  • 33 Mio Euro für Freiwilligendienste (wie z.B. für z. B. das Freiwilliges Soziales Jahr)
  • 17 Mio Euro für den Bundesfreiwilligendienst (separates Freiwilligenformat, offen für alle Altersgruppen)
  • 5 Mio Euro für die Stiftung Frühe Hilfen (Unterstützung für Familien von Schwangerschaft bis 3 Jahre)
  • weitere Millionen für Schwangerschaftsberatung, Jugendhilfe, Kinderschutz

Das ist wichtig und richtig. Aber gleichzeitig wurde gekürzt: 6 Mio Euro für präventive Mental-Health-Maßnahmen und eben die Beendigung der Mental Health Coaches. Wir vom Ministerium für Glück und Wohlbefinden fragen uns – und wir fragen laut:

Wie passt diese Entscheidung zur eindeutigen Studienlage und zu den belegten Erfolgen des Programms?

Wie sollen junge Menschen psychisch stark in die Zukunft gehen, wenn erfolgreiche Angebote zurückgefahren werden?

Was können wir tun?

Dass das Programm Mental Health Coaches eingestellt wird sehen wir als totalen Rückschritt. Was wir nun tun können, um die mentale Gesundheit unserer Jugend zu stärken.

  • Leitet diesen Blogbeitrag an Eltern, Lehrkräfte, Verantwortliche und Engagierte weiter. Je mehr Menschen über die Lage unserer jungen Generation Bescheid wissen, desto größer wird der öffentliche Druck.
  • Informiert euch über psychische Gesundheit, Prävention und die aktuelle Studienlage.
  • Macht das Thema sichtbar, indem ihr in Schulen, Teams, Familien und eurem Umfeld darüber sprecht!
  • Unterstützt Initiativen, die mentale Gesundheit stärken, z.B.: Nummer gegen Kummer, Krisen Chat, JugendNotmail, Irrsinnig Menschlich e.V., deutsche Depressionshilfe und viele mehr.
  • Werdet kreativ und überlegt euch, was ihr in eurem Wirkungskreis ansprechen, verändern oder tun könnt!

Es ist die höchste Zeit, das Thema mentale Gesundheit nicht mehr als ein Nice-to-have anzusehen, sondern als Grundrecht in diesem Land! Wir rücken immer weiter weg vom Bruttonationalglück und das können wir nicht mit ansehen…!

Wir müssen die psychischen Bedürfnisse unserer Jugend ernst nehmen. Denn die Endstation von nicht gelebter und nicht geförderter mentaler Gesundheit kann Verzweiflung bedeuten. Und zu Situationen führen, in denen junge Menschen keinen Ausweg mehr sehen. Sozialarbeiter Burak Caniperk berichtete kürzlich von einem solchen Fall. Zum Glück ist es gut ausgegangen. Aber viele junge Menschen haben dieses Glück nicht.

Künstlicher Deko-Gegenstand in Form eines braunen Kothaufens neben einer künstlichen Pflanze mit pinken Blüten.

Das ist wahrlich kein motivierender Blogbeitrag, das ist uns bewusst.

Aber wie ich bei Vorträgen und Workshops so gerne sage: Im Leben gibt es nicht nur die Blümchen, sondern eben oftmals auch den Sch***haufen. Hier gilt es hinzuschauen und ihn zu beseitigen, konstruktiv und zukunftsorientiert zu handeln, damit wir als Gemeinschaft ein gutes Leben für alle gestalten können. Dazu gehört es eben auch, (präventiv) in die junge Generation zu investieren und sie für die Zukunft fit zu machen und zu stärken!

Bitte schaut nicht weg und seid laut!  Passt gut auf euch und eure Mitmenschen auf und habt eine schöne Vorweihnachtszeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Artikel

Kontakt

Ihr habt eine Frage, möchtet mit uns kooperieren, mehr über ministeriale Aktionen erfahren oder ein Angebot buchen? Dann schreibt uns gerne per mail an mail@ministeriumfuerglueck.de oder schaut in unseren FAQ.

Ministerialer Newsletter

Bleibt immer up to date und erfahrt von neuen Aktionen, Ideen und Veranstaltungen.
Hier könnt ihr euch für den Newsletter anmelden: 

Durch den Klick auf den Button „Jetzt kostenlos anmelden“ bestätigst du, dass du die Datenschutzrichtlinien akzeptierst.