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Gemeinsam einsam: Mit Verbundenheit zu mehr Glück

Ich möchte diesen Blogbeitrag mit einer Geschichte aus meinem Buch „Das kleine Glück möchte abgeholt werden“ beginnen und damit ein ernsteres Thema ansprechen, das mehr Menschen betrifft als wir denken: Einsamkeit.

Gerade jetzt in der Pandemiezeit geht es um ein gesundes und glückliches Miteinander. Lasst uns deshalb auch über die Dinge sprechen, die uns davon abhalten – dazu gehört u.a. das Gefühl der Einsamkeit.

Ich liebe es, im Herbst spazieren zu gehen, die bunten Blätter zu bestaunen und durch das Laub zu stapfen. Wenn die Luft frisch ist, sodass wir durchatmen können, die Sonne noch ihre Kraft zeigt und uns ins Gesicht scheint, dann sind solche Spaziergänge eine richtige Wohltat. Aber es gibt auch andere Seiten der Herbst- und Wintermonate: Sie können so nass und kalt sein, dass wir am liebsten gar nicht mehr nach draußen gehen und es uns lieber zuhause mit Wollsocken und Tee gemütlich machen. Das sich Einigeln und Zurückziehen in den dunklen Monaten ist das eine; die uns momentan noch zusätzlich auferlegte Isolation das andere. Um uns und andere zu schützen, sind wir wieder dazu angehalten, den Kontakt zu unseren Liebsten einzuschränken. Seit diesem Frühjahr wissen wir, was Kontaktsperre oder Social Distancing heißt: Wir sollen uns mit so wenig Menschen wie möglich treffen. Gerade in den dunklen Monaten ist das schwierig; viele Menschen leiden darunter und fühlen sich einsam. Einsamkeit ist dabei kein Phänomen, das nur wenige betrifft und leider auch nicht erst seit diesem Jahr. Sehr viele von uns kennen dieses Gefühl nur zu gut!
Und gerade in dieser turbulenten Zeit, in der scheinbar die Verbundenheit und die Zugehörigkeit zu anderen fehlt, wird der ohnehin schon gefährliche gesellschaftliche Trend der Einsamkeit noch viel größer.

Auch bei den Kleinsten unter uns wird das spürbar:
Mein kleiner Sohn, der mittlerweile eindreiviertel Jahre alt ist, geht am liebsten mit seiner kleinen alten Holzente vom Flohmarkt spazieren. Tag ein, Tag aus. Er ahnt nicht, was draußen vor sich geht, kennt die Hälfte seines Lebens die Welt nur mit all den Einschränkungen. Für ihn ist es das Normalste, dass man das Gesicht einpacken muss und sich ja nicht zu nahe kommen darf. Und wisst ihr, was das Traurigste ist? Leider ist es für ihn auch fast schon normal, dass die Leute ihn nicht beachten, nicht einmal anschauen, nicht reagieren, nicht winken, wenn er Kontakt sucht, nicht albern, wenn er Faxen macht… Aber gerade das täte so vielen von uns gut! Davon hat sich noch niemand angesteckt. Ich frage mich manchmal, ob auch er sich manchmal einsam fühlt durch diese Art des Nichtbeachtetwerdens.

Was können wir gerade in der aktuellen Zeit, aber auch im Allgemeinen gegen Einsamkeit tun? Wie finden wir verstärkt zueinander und bilden eine Gemeinschaft? Wie können wir soziale Kontakte und Verbundenheit fördern auch in diesen Zeiten?
Ein paar Tipps und Alltagshacks möchte ich euch gerne aufzeigen und mit in die kalte Jahreszeit geben, auf dass wir für mehr zwischenmenschliche Wärme sorgen! Lasst uns diese Thematik als Gemeinschaft angehen, dass sich keiner mehr chronisch einsam fühlen muss!
So wie der Virus und das Gefühl der Einsamkeit ansteckend sein können, so ist zum Glück auch das Miteinander, Liebe und Lachen ansteckend. Lasst uns den Sinn für Gemeinschaft stärken, lieb und nett zueinander sein, miteinander sprechen, einander helfen. Damit können wir für viele die Welt in Ordnung halten und emotionale Sicherheit geben – und Nebenwirkungen für uns selbst hat es auch, sehr positive sogar!

Ein Blick auf die Einsamkeit

In der heutigen Welt sind wir vernetzt wie nie zuvor: Wir wohnen mit mehr Menschen in Städten auf engem Raum und unsere Freunde aus aller Welt sind nur ein paar Klicks in den sozialen Medien entfernt. Trotz dieser Vernetzt- und Verbundenheit fühlen sich viele Menschen einsam. Einsamkeit betrifft nicht nur ältere Menschen im Seniorenheim, sondern uns alle. Dich und mich. Familienmitglieder, Freunde und Fremde. Alle. Einsamkeit erlebt das Kind, das in eine neue Klasse kommt, der Teenager, der sich von seiner Familie unverstanden fühlt, die Studentin, die für ihr Studium in eine fremde Stadt zieht, der Partner, der alleine zuhause sitzt, die Berufseinsteigerin, die ihre Kolleginnen und Kollegen nur durch Videomeetings vom Home Office aus kennt, die Seniorin, die keinen Besuch im Altenheim erhält. Das zeigt: Einsamkeit zieht sich durch alle Schichten, Geschlechter und Altersstufen hindurch. Zwar nimmt das Gefühl im Alter eher zu, aber mittlerweile fühlen sich auch rund 10% der Schulkinder einsam. Wir können uns in den banalsten Alltagssituationen so fühlen – wenn wir zum Beispiel allein in der Kantine Mittagessen oder wenn am Wochenende keiner für uns Zeit hat.

Einsam oder allein?

Die Wörter allein und einsam werden oft synonym verwendet. Dabei meinen sie zweierlei.
Alleinsein ist ein objektiver Zustand: Wir sind allein, wenn niemand anderes bei uns ist, zum Beispiel, wenn wir ohne eine andere Person (oder auch ein Tier) in unserem Zimmer sind. Wir können sehr glücklich damit sein, für uns allein (all–ein) zu sein.
Einsamkeit hingegen ist ein subjektives Gefühl, das als sehr unangenehm wahrgenommen wird. Der verstorbene Einsamkeitsforscher John Cacioppo definierte das Gefühl als “subjektiv empfundene Isolation”. Sie tritt ein, wenn wir uns stärkere soziale Beziehungen wünschen, als wir tatsächlich haben und kann auch auftreten, wenn wir uns mitten unter anderen Menschen befinden. Denn mit anderen Personen zusammen zu sein, bedeutet nicht automatisch, dass wir uns auch mit ihnen verbunden fühlen.
Wenn wir uns einsam fühlen, versetzt sich unser Körper in einen Selbstverteidigungsmodus, wodurch unser Gehirn viel empfänglicher für soziale Signale ist. Gleichzeitig werden wir schlechter darin, diese Signale richtig zu interpretieren. Das bedeutet, dass wir, wenn wir einsam sind, andere Menschen stärker wahrnehmen, es uns aber schwerer fällt, sie zu verstehen. Wir sehen vieles als bedrohlich an und werden dadurch misstrauisch. Diese Wahrnehmung kann dazu führen, dass wir eher distanziert und unfreundlich auf andere wirken. Dadurch entsteht ein Teufelskreislauf: Durch das Einsamkeitsgefühl werden wir misstrauischer, ziehen uns dadurch immer mehr zurück, wodurch sich die Isolation verstärkt. Im Grunde ist das Einsamkeitsgefühl, das in uns ausgelöst wird, also ein Signal unseres Körpers, das auf soziale Bedürfnisse aufmerksam macht. Ähnlich wie Hunger, der uns zeigt, dass wir etwas Essen sollten, weist uns Einsamkeit darauf hin, dass wir uns in dem Moment stärkere soziale Beziehungen wünschen.

▶ Eine große Inspirationsquelle ist hier das geniale Video, das ihr bei Funk findet: „Kurz erklärt: Einsamkeit“

Der Glücksfaktor von sozialen Beziehungen

Einsamkeit wurde in den letzten Jahrzehnten für viele von uns chronisch. Dazu ein paar Zahlen für euch: In Großbritannien geben 60% der 18–34 Jahren an, ziemlich oft einsam zu sein. In den USA sind 46% der Gesamtbevölkerung regelmäßig allein und in Deutschland sehen knapp die Hälfte der Menschen Einsamkeit als großes Problem an. Wie kam es dazu?

Evolutionsbedingt waren wir Menschen schon immer auf soziale Beziehungen angewiesen. Wir lebten in Gruppen mit anderen, um uns in Sicherheit zu wiegen, Essen und Wärme zu tauschen. Alleinsein galt im Gegensatz dazu als eine große Gefahr, denn ohne die Hilfe von anderen waren wir dem Tod nahe. Deswegen hat unser Körper einen sozialen Schmerz entwickelt, den wir empfinden, wenn wir uns von anderen isoliert fühlen. Dieses Frühwarnsystem hat also unser Überleben gesichert. Ganz schön schlau unser Körper! Doch im Laufe der Jahrzehnte hat sich unser kollektives Leben mehr und mehr am Individuum ausgerichtet. Menschen verließen ihre Dörfer, um in Fabriken in den Städten zu arbeiten. Zudem hat sich unser Gemeindewesen im Laufe der Zeit stark verändert: Waren wir früher in Großfamilien; Kirchengemeinden und Vereinen eingebettet, sind wir heute in vielen Lebensbereichen auf uns alleine gestellt: Knapp die Hälfte der Deutschen lebt in Singlehaushalten, so das Statistische Bundesamt. Uns zieht es in die anonyme Stadt, wo wir den ganzen Tag arbeiten und niemanden kennen. Die alteingesessene Dorfgemeinschaft ist nicht mehr an der Tagesordnung. Die Bedeutung der Kirche und deren Gemeinden geht zudem auch seit Jahren sehr stark zurück. Und Zeit für eine Vereinsmitgliedschaft nehmen sich neben dem Beruf die wenigsten. Wir ziehen für unsere Ausbildung, für unseren Beruf oder die Liebe an weit entfernte Orte und treffen uns mit weniger Menschen und seltener als früher. Chronische Einsamkeit entsteht dabei meist aus Versehen: Wir werden erwachsen und haben neben Uni, Arbeit und Familie oft keine Zeit – beziehungsweise nehmen uns keine Zeit – für andere.

Unser Gehirn hat sich in den letzten 50.000 Jahren kaum verändert; wir sind biologisch immer noch unglaublich stark auf Gemeinschaft ausgerichtet.
Eine der Haupterkenntnisse aus einer der größten Glücksstudien, der Grant Study, die seit 75 Jahren an der Harvard Medical School unser Wohlbefinden untersucht, zeigt, dass soziale Kontakte der wichtigste äußere Faktor für unser Wohlbefinden sind: Gute Beziehungen machen uns schlicht und ergreifend glücklicher und gesünder!
Warum lassen wir genau das so oft schleifen?

▶ Ein toller TED Talk, der von der längsten Glücksstudie handelt: „What makes a good life? Lessons from the longest study on happiness“

Menschen, die sozial stärker mit Familie, Freunden, Gemeinschaft verbunden sind, sind glücklicher, körperlich gesünder und leben länger als Menschen, die weniger Kontakte haben. Auch Martin Seligman und Ed Diener, Koryphäen auf dem Gebiet der Positiven Psychologie, kamen zu diesen Schlussfolgerungen. Dabei geht es nicht um die Anzahl der Freunde, die man hat, und es geht auch nicht darum, ob man in einer festen Beziehung ist oder nicht, sondern um die Qualität der Beziehungen. Im Durchschnitt verbringen wir 80% unserer Zeit mit anderen Menschen (Möbisch & Försch). Aber auch hier kommt es ganz darauf an, ob uns diese Kontakte erfüllen.
So positiv sich Gemeinschaft auf uns auswirkt, so lang ist die Liste an Nebenwirkungen, wenn wir einsam sind. War früher die Einsamkeit eine lebenswichtige Warnung, gehen die Folgen der modernen Einsamkeit viel weiter: Einsamkeit ist statistisch gesehen tödlicher als Übergewicht und genauso tödlich wie 15 Zigaretten am Tag; sie steht mit Stress, Depression und Angststörungen in Verbindung; außerdem schwächt sie unser Immunsystem, lässt uns schneller altern und kann unser Herz schädigen. Was können wir konkret tun, um gegen Einsamkeit und seine möglichen Folgen anzukämpfen?

Was können wir konkret tun?

“Einsamkeit ist die traurige Realität des modernen Lebens“, sagte die britische Premierministerin Theresa May einmal. Um in Großbritannien gegen eine Vereinsamung der Bevölkerung anzukämpfen, hat das Land 2018 sogar ein eigenes Einsamkeitsministerium bekommen. Das parteiübergreifende Projekt zwischen Politik, Unternehmen und NGOs setzt das Thema auf die öffentliche Agenda. Ein wichtiger Schritt, wie ich als Glücksministerin finde! Und mit Sicherheit ein guter Ansatz auch für unser Land.
Doch keine Bange: Wir müssen nicht warten, bis es bei uns ein solches Ministerium gibt. Wir können schon mit kleinen Mitteln zur Förderung sozialer Kontakte und Verbundenheit – auch und gerade in diesen Zeiten – beitragen. Ein paar dieser Ideen und Inspirationen möchte ich euch gerne vorstellen:

Selbstreflexion als Basis von allem.
Eine erste Maßnahme, die wir gegen Einsamkeit tun können, liegt darin, zu reflektieren: Welche Gedanken und Gefühle habe ich? In welchen Situationen kommen sie auf? Wann fühle ich mich einsam? Und welche körperlichen Empfindungen habe ich dabei? Was bedrückt mich? Und was ist wirklich passiert? Wollten die anderen mich beim Abendessen wirklich nicht dabei haben oder ist das nur mein subjektives Empfinden? In der Rolle des neutralen Beobachters können wir über uns und unsere Umstände reflektieren, ohne sie erstmal zu verändern. Um zu reflektieren, kann es hilfreich sein, sich seine Gedanken und Gefühle sowie Situationen aufzuschreiben. Schreibt auf, wann genau ihr euch einsam fühlt. Dadurch erhalten ihr mehr Klarheit und könnt wiederkehrende Muster und vielleicht auch alteingesessene Glaubenssätze erkennen.

All feelings are welcome.
Oft reicht es schon zu erkennen, dass Gefühle kommen und gehen und dass es völlig in Ordnung ist, sich auch mal nicht so gut und zum Beispiel einsam zu fühlen. Nehmt das Gefühl als einen Teil von euch an, ohne ihm allzu große Bedeutung zuzuschreiben. In dem wir unsere Gefühle annehmen und akzeptieren, treten wir schon automatisch in einen Heilungsprozess. Manchen Menschen helfen dabei bestimmte Meditationen, anderen Atemübungen oder Entspannungstechniken. Macht in solchen Momenten genau das, was euch gerade gut tut und heißt eure Gefühle willkommen.

Alleinsein lernen.
Viele Menschen fühlen sich automatisch einsam, wenn sie allein sind. Oder lenken sich zum Beispiel auch chronisch ab, mit anderen Leuten oder Elektronik, um bloß nie mit sich, den eigenen Gedanken und Gefühlen zu sein. Doch das muss nicht sein! Und das Gute: Alleinsein kann trainiert werden. Macht doch mal ein Date mit euch selbst aus. Das kann zunächst ein freier Nachmittag sein, an dem ihr tut, wonach euch der Sinn steht: Ein neu entdecktes Gericht kochen, einen Spaziergang am Bach machen, einem alten Hobby nachgehen, alte Fotoalben anschauen, die Lieblingsmusik hören und bei Lust und Laune dazu durch die Wohnung tanzen. Die Möglichkeiten sind unendlich lang! Macht einfach das, wonach ihr euch fühlt. Wenn ihr öfter solche kleinen Auszeiten für euch allein in den Alltag einbaut, dann wird das Alleinsein euch zu einer echten Wohltat. Und wenn ihr euch schon etwas daran gewöhnt habt, kann es dann auch etwas Größeres sein: Allein essen oder ins Kino gehen oder sogar einen Urlaub allein machen – natürlich erst, wenn es wieder erlaubt ist. Da Vorfreude bekanntlich die schönste Freude ist, könnt ihr euch jetzt schon all die Dinge aufschreiben, die ihr einmal allein unternehmen wollt – einfach drauf los, ohne allzu groß darüber nachzudenken.

Stress, adé.
Stress erhöht die Wahrscheinlichkeit, einsam zu werden. Zusätzlich ist Einsamkeit ein großer Stressfaktor. Ein Teufelskreis also. Einsamkeit wird daher auch als eine Form von sozialem Stress angesehen, welcher verschiedene Ursachen haben kann: Unsere Arbeit, unser Perfektionismus, unsere Erwartungen an uns selbst. Wenn wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind, laufen wir Gefahr, uns zurückzuziehen. Die Prioritäten verschieben sich: Die Arbeit, das Projekt, der Sport – alles wird vor den Kontakt mit anderen Menschen gestellt. Und so vereinsamen wir. Denn unser Umfeld macht mit uns als gestresste Person nicht lange mit. Die Einladungen werden weniger, bis sie schließlich ganz ausbleiben. Zudem erhöht sich das Risiko, psychische und körperliche Erkrankungen zu entwickeln. Wenn wir also merken, dass wir in einer Stressspirale gefangen sind, sollten wir daran ansetzen und versuchen, auszutreten. Wie kann uns das gelingen?
In akuten stressigen Situationen könnt ihr euch eure Atmung zu Nutze machen. Wenn wir gestresst sind ist diese schnell und flach. Versucht euch darauf zu konzentrieren und bewusst eure Atmung zu verändern: langsam und tief einatmen, halten, und langsam wieder ausatmen. Wiederholt das ein paar Mal und bemerkt, wie ihr entspannter werdet.
Präventiver kann man vorgehen, wenn man es gar nicht soweit kommen lässt. Prioritäten setzen, Grenzen ziehen und nicht zu allem Ja und Amen sagen. Wenn ihr merkt, es wird zuviel, ihr dreht euch im Kreis und könnt nicht mehr, wenn ihr euch dabei erwischt, dass ihr euren „Kringelmenschen“ (laut Eckart von Hirschhausen, die wichtigsten Menschen in unserem Leben, um die man einen fetten Kringel im Adressbuch machen sollte) immer öfter absagt oder Termine verschiebt, dann mistet euren Kalender aus und macht genau für diese Menschen wieder Platz!
Was uns normalerweise auch hilft, um Stress zu reduzieren, sind Berührungen. Diese sind aktuell leider rar. Wenn ihr in der glücklichen Lage seid, dass ihr mit anderen Menschen – Familie, Partner/in, Mitbewohner/in – zusammenwohnt, holt euch von ihnen so viele liebevolle Umarmungen wie möglich ab. Der erhöhte Oxytocin-Spiegel (das Kuschelhormon) steigert unser Wohlbefinden und das der anderen gleich mit. Aber auch wenn ihr alleine wohnt, könnt ihr eurem Körper Gutes tun: ein kuscheliges Kleidungsstück tragen zum Beispiel, ein warmes Bad nehmen oder ein Massagegerät verwenden. Es gibt sogar extra schwere Decken, die auch bei Depressionen verwendet werden, weil sie uns das Gefühl von Nähe und Geborgenheit geben, wenn sie auf uns liegen und somit gut tun. In Italien gibt es sogar “Quarantäne-Umarmungsstationen”, in denen sich Menschen durch spezielle Folien in den Arm nehmen können – ganz ohne Ansteckungsgefahr. Dies zeigt, wie groß dieses zwischenmenschliche Bedürfnis ist!

Willst du mein Freund sein?
Kinder sehen die Welt mit so herrlich einfachen Augen: Wenn sie einander begegnen, beschnuppern sie sich etwas, fangen an gemeinsam zu spielen und schon sind Freundschaften entstanden.
Passend dazu, möchte ich euch gerne von einem Moment berichten, der mein Herz zum Hüpfen brachte:
Zu einem Interview brachte ein Journalist seinen sechsjährigen Sohnemann mit. Allein das fand ich schon mega sympathisch – sollten wir alle doch viel selbstverständlicher mit unseren Familien umgehen, auch im Arbeitskontext. Das ist Benne. Sehr quirlig, aufgeweckt, höflich und neugierig. Während das Team die Kamera-, Licht- und Tontechnik aufbaute, war Benne mein Begleiter. Wir saßen uns gegenüber, er strahlte über das ganze Gesicht während der mit seiner Tasse heißer Milch mit Honig vor mir saß und fragte plötzlich aus heiterem Himmel:
„Gina? Wollen wir einfach Freunde sein?“
„Na, aber klar doch! Dann lass uns auch drauf anstoßen, okay?“
Er erhob seine kleine Tasse, die bis obenhin mit Milchschaum gefüllt war, und sagte aus vollem Herzen:
„Auf die Freundschaft!”
Meine Augen lachten und ich musste vor Rührung schlucken. Auf die Freundschaft! Auch, wenn wir uns erst seit einer halben Stunde kennen – oder gerade deshalb! Die Tassen klirrten und wir ließen es uns nun gemeinsam schmecken. Genauso süß und unkompliziert wie das Miteinander eben sein kann.

Wir Erwachsenen tun uns da etwas schwerer, dabei könnten wir uns gut eine Scheibe von Kindern wie Benne abschneiden und proaktiv auf andere zugehen. Ein Weg, neue Kontakte – und somit auch gegebenenfalls Freundschaften zu knüpfen – ist es, sich mit Menschen zu umgeben, die ähnliche Interessen und Werte mit uns teilen. Ihr seid tierlieb? Vielleicht könnt ihr euch ehrenamtlich in einem Tierschutzverein in eurer Nähe betätigen. Ihr macht gerne Sport? Wie wäre es damit, eine neue Sportart auszuprobieren und in einem Verein reinzuschnuppern? Es gehört vielleicht etwas Mut dazu, aber wenn der Kontakt erst einmal hergestellt ist, öffnen sich gewiss neue Türen. Auch wenn aktuell keine ehrenamtlichen und sportlichen Tätigkeiten in diesem Maße möglich sind, so könnt ihr euch jetzt schon einmal informieren, was es für Angebote in eurer Nähe gibt und Kontakt per Mail oder Telefon zu Vereinen aufnehmen. Viele haben sich auch digital aufgestellt und bieten ihren Mitgliedern online ganz viele Möglichkeiten, sich weiterhin zu vernetzten. Ein toller Schritt in Richtung neue Kontakte und Freundschaften – und weg von der Einsamkeit.

Hallo, Lieblingsmensch!
In ihrem Song “Lieblingsmensch” schreibt Nika: „Manchmal fühl‘ ich mich hier falsch, wie ein Segelschiff im All. Aber bist du mit mir an Bord, bin ich gerne durchgeknallt”. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, dass wir uns mit Menschen umgeben, die uns gut tun. Denn bei ihnen können wir ganz “Ich” sein – mit all unseren Ecken und Kanten. Unsere Lieblingsmenschen sind es, die für uns da sind, auch wenn wir uns gerade einsam fühlen. Und auch Physical Distancing kann nichts daran ändern, dass wir uns verbunden fühlen. Ob getippte WhatsApp-Nachricht oder handgeschriebener Brief, ob Telefonat oder Videocall: Bleibt in Kontakt! Wir müssen lediglich mit etwas Einfallsreichtum und kreativen Ideen an die Sache rangehen. Wie wäre es mit einem Spieleabend, Kochevent oder einer Weinverkostung – alles virtuell versteht sich? Solche Videocalls mit Event-Character bieten sich auch wunderbar an, um die neuen Kommiliton*innen oder Arbeitskolleg*innen kennenzulernen. Zwar wirken sich virtuelle Kontakte etwas schwächer auf das eigene Wohlbefinden aus, als der Kontakt im realen Raum, dennoch sollte man sie nicht zu gering schätzen. Denn auch über einen Bildschirm können wir Beziehungen stärken, Verbundenheit schaffen und uns weniger alleine fühlen. Also nehmt euch Zeit für soziale Beziehungen, egal, ob on- oder offline.
Und wenn es nur 4 Minuten Invest jeden Tag sind, zusammengerechnet bedeutet das am Ende des Jahres, dass man einen ganzen Tag gemeinsam verbracht hat!

You are not alone!
Einsamkeit zählt nach wie vor zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft. Viele versuchen zu verstecken, dass sie einsam sind, weil sie sich insgeheim dafür schämen. Wenn wir uns von dem Gedanken lösen, dass Einsamkeit nur alte Menschen betrifft oder dass sie ein Ausdruck von Schwäche ist, dann haben wir schon einen Schritt in die richtige Richtung getan. Indem das Thema enttabuisiert wird, erfahren immer mehr Menschen, dass sie mit diesem Gefühl nicht allein sind. Eine unglaublich wichtige Erkenntnis! Dadurch, dass wir wissen, dass es anderen Menschen auch so geht, entsteht eine Art Gemeinschaftsgefühl – und es können weitere Schritte dagegen unternommen werden.


Von Christina habe ich eine tolle E-Mail bekommen:
„Ich habe übrigens vor kurzem die Aufzeichnung deines Vortrags geschaut, den du in unserem Unternehme gehalten hast. Eine Sache ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Wir alle können niemandem in den Kopf schauen und wir wissen einfach nicht, wer jetzt gerade mal wieder eine Nettigkeit, ein Lachen oder ein freundliches Wort gebrauchen kann. Das ist sooo richtig!
Und als ich das hörte sind meine Gedanken auf Reisen gegangen zu einer Sache, die ich seit ein paar Jahren mache: Wann immer ich irgendwo bin, wo das Personal ein Namensschild trägt, spreche ich diese Personen mit ihrem Namen an. Meist sind die Leute davon total überrascht und oftmals auch verwirrt. Vielen huscht dann aber ein kurzes Lächeln übers Gesicht und mit manchen bin ich dabei auch ins Gespräch gekommen. Die meisten Menschen mit Namensschild sind in irgendeiner Art von Service beschäftigt und werden oft mit unangenehmen Fragen oder Problemen konfrontiert. Eine Filialleitern beim Bäcker meinte in so einem Gespräch mal zu mir: „Wissen Sie, meist werden wir nur beim Namen genannt oder danach gefragt, wenn sich jemand beschweren will. Es ist total seltsam, wenn jemand den Namen einfach nur aus Freundlichkeit sagt. Schön ist das.““

Genau solche kleinen Gesten schaffen Verbundenheit und sind ein Zeichen davon, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen und wertschätzen. Einfach gelebte Menschlichkeit!


Eine helfende Hand.
In dem Wissen, dass man mit solchen Themen nicht allein ist, möchte ich euch gerne dazu ermutigen, aktiv zu werden und um Hilfe zu bitten, wenn ihr sie benötigt. Es ist völlig in Ordnung, sich einsam zu fühlen, gerade in der aktuellen Zeit! Oft kann es schon helfen, sich mit vertrauten Menschen darüber auszutauschen. Seid mutig und macht den ersten Schritt. Redet offen und ehrlich über euer Befinden – ihr werdet staunen, welchen Stein ihr dadurch ins Rollen bringt und wie viele Menschen sich dann auch öffnen werden.
Wenn euch die kleinen Tipps und Alltagshacks nicht groß weiterhelfen, dann ist es auch völlig legitim und wichtig, professionelle Unterstützung in Betracht zu ziehen. Es gibt so viele erfahrene Expert*innen, die einem dabei helfen können, Einsamkeit, seine Ursachen und Auswirkungen anzugehen. Lasst uns gegenseitig ermutigen, dass dies sehr hilfreich und wirksam ist und dass man nicht “verrückt” sein muss, um diese Form der Unterstützung in Anspruch zu nehmen! Für die Enstigmatisierung der Therapie!
Ein ministerialer Tipps an dieser Stelle:
▶ Die Telefonseelsorge hat eine Hotline, die 24 Stunden verfügbar ist. Lieber einmal mehr um Rat fragen als einmal zu wenig:
0800 111 0 111 und 0800 111 0 222
▶ Das Silbernetz ist ein Hilfetelefon für ältere Menschen, die mit Einsamkeit zu kämpfen haben:
0800 4 70 80 90

I am there for you, too.
Nicht nur wir selbst haben manchmal mit Einsamkeit zu kämpfen, sondern auch viele andere. Wenn uns das bewusst wird, können wir mit einem empathischen Blick auf andere sehen und uns um sie kümmern. Bei wem habt ihr euch lange nicht mehr gemeldet? Wer denkt ihr, könnte ein Telefonat und ein liebes Wort gut gebrauchen? Denkt dran: Es kann jeden treffen. Lasst uns das Thema nicht länger ignorieren, sondern gemeinschaftlich angehen. Die kleinsten Gesten der Wertschätzung anderen gegenüber können unglaublich große Auswirkungen haben. Es hilft dem Wohlbefinden der anderen und auch unserem eigenen, wenn wir etwas Gutes für andere Menschen tun. Wir können beispielsweise für unseren älteren Nachbarn mit einkaufen gehen. Wenn wir ihn aus gegeben Anlass nicht besuchen dürfen, können wir den Einkauf einfach vor der Haustüre abstellen. So haben wir die physische Distanz bewahrt und sind uns sozial doch sehr nah – dadurch zeigen wir: Ich bin für dich da.
Vielleicht erinnert ihr euch an meinen TEDx Talk, in dem ich von der Begegnung mit der alten Dame berichte: Es sind die Minimomente im Alltag, die uns mehr Miteinander spüren lassen:

Gemeinsam sind wir weniger einsam.

Wie immer, ihr kennt es: Die aufgezählten Alltagshacks können unterschiedlich angewandt, angepasst und ausgeführt werden. Pickt euch diejenigen raus, die euch ansprechen und gut tun. Und erweitert sie nach eurem eigenen Befinden. Einsamkeit kann schwerwiegende Folgen haben und ist daher ein ernstes Thema. Ich erhebe daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder garantierter Besserung, sondern kann aus eigener Erfahrung und der anderer mitgeben, was helfen könnte. Sollte sich das Gefühl einsam zu sein schon stark manifestieren, dann rate ich in jedem Fall zu professioneller Unterstützung!

Ansonsten bin ich der tiefen Überzeugung, dass für uns als soziale Wesen ein Miteinander unglaublich wichtig ist. Wir können uns präventiv gegen Stress wappnen, unsere sozialen Fähigkeiten stärken und unseren Sinn für Gemeinschaft ausleben.
Manchmal sind es nur ein paar Minuten der Aufmerksamkeit und kleine Gesten der Wertschätzung und Zuwendung, die Zuversicht in anderen wecken.
Verbundenheit und Zugehörigkeit zu anderen ist enorm wichtig, gerade in diesen Zeiten. Auch wenn wir zueinander Abstand halten müssen, dürfen wir unsere Gemeinschaft nicht aus den Augen verlieren. Reagiert, wenn andere euch anschauen (ganz Mutige lächeln sogar trotz Maske), winkt, wenn euch zugewunken wird, seid albern, wenn ein Kind mit euch Faxen macht, ruft einander an, erkundigt euch gegenseitig, wie es euch geht und helft euch. Durch die kleinsten Gesten können wir das Miteinander stärken und Einsamkeit bekämpfen, denn: Gemeinsam sind wir weniger einsam.

Passt gut auf euch und eure Mitmenschen auf.
Euch allen eine gute Zeit, glückliche Grüße & bis bald!
Gina


Weitere inspirierende Artikel und Bücher zum Stöbern:
▶ Artikel in der Süddeutschen Zeitung
▶ Artikel bei Utopia
▶ Artikel bei Perspective Daily
▶ Buch „7 Wege aus der Einsamkeit“ von Walter Möbius und Christian Försch
▶ Podcast „Allein zu sein“ von Diana Kinnert und Yara Hoffmann
▶ Telefon-Hotline Silbernetz
▶ Telefonseelsorge