Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich das erste Mal bei meinen Schwiegereltern zu Besuch war. Mein Mann und ich waren zum gemeinsamen Kaffee eingeladen. Weit mussten wir nicht fahren – trotzdem spürte ich, wie ich von Minute zu Minute etwas unruhiger wurde. Und auch wenn ich wusste, dass mich gleich zwei offene Menschen voller Vorfreude empfangen würden, so konnte ich es nicht verhindern, dass sich neben einem selbstgebackenen Kuchen eine kleine Portion Angst mit in mein Handgepäck geschmuggelt hatte.
Aber wovor fürchtete ich mich überhaupt?
Klar, ich wollte einen guten Eindruck hinterlassen, mich nicht blamieren, einfach gemocht werden. Immerhin hatte ich vor, diese Familie in Zukunft noch einige Male besuchen zu kommen, hoffentlich für immer. Etwa fünf Minuten vor unserer Ankunft gesellten sich zu meiner Aufregung auch noch Selbstzweifel hinzu. Was ist, wenn sie meinen Humor nicht mögen, die Art, wie ich lache oder wenn sie nicht nachvollziehen können, was ich genau studiere?
Spoiler: Nichts davon ist tatsächlich passiert und das erste Treffen war wirklich schön.
Trotzdem habe ich mich damals irgendwie ertappt gefühlt. Warum sollte man sich auch nur eine Sekunde lang hinterfragen, weil man befürchtet, anderen nicht gefallen zu können? Wem will ich denn was beweisen und weshalb? Warum fällt es uns in manchen Situationen so schwer, ganz wir selbst zu sein? Was bedeutet es überhaupt authentisch zu leben und was könnte uns dabei helfen, im Alltag oder auch in Stresssituationen viel öfter Ruhe und Gelassenheit aus unserer Authentizität zu schöpfen?
Mehr als nur ein Zungenbrecher: Authentizität
Authentizität meint „echt sein” oder “ganz wir selbst sein”. Die Wortherkunft lässt sich aufs Griechische: „authentikós“ zurückführen, was „echt“ bedeutet. Verwandt sind Begriffe wie Echtheit, Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit oder auch Integrität.
Wenn wir authentisch handeln, entscheiden wir das bewusst – und passen uns nicht einfach nur den Umständen an. Dann lachen wir laut, weil es zu uns gehört und nicht extra leise, um bloß nicht aufzufallen. Wir sagen, was wir denken, respektvoll, aber ehrlich. Wir stehen zu unseren Eigenarten, auch wenn sie nicht jeder Person gefallen…

Klingt erstmal ganz banal. Aber viele von uns tun sich schwer damit, im Kontakt mit anderen Menschen authentisch zu sein. Woran liegt das?
Oft ist der Ursprung, dass wir Angst haben. Davor abgelehnt zu werden, nicht gemocht zu werden, „zuviel“ oder “zu wenig” von etwas zu sein. Evolutionär hat das wieder den Sinn, dass wir uns einer Gruppe zugehörig fühlen wollen; denn früher zu Steinzeiten war das überlebenswichtig. Anpassung bedeutete Sicherheit; Anderssein konnte Ausschluss bedeuten.
Und so fangen wir schon früh damit an: Auch wenn uns als 12 Jährige der seitlich gekämmte Pferdeschwanz, bunte Creolen und pink gestreifte Leggings gefallen – merken wir, dass andere das „komisch“ finden, passen wir uns an. Es ist also zutiefst menschlich, die eigene Authentizität manchmal zurückzuhalten. Aber: Nur wenn wir ganz wir selbst sind, können andere unsere echten Qualitäten kennenlernen. Egal ob als Freundin, Partnerin oder Führungskraft – nur wenn wir unser Inneres nach außen tragen, können Menschen uns für das mögen, was wir wirklich sind.
Von Erwartungen, Rollen und der Angst, nicht gemocht zu werden
Der Grund für unser mangelndes Selbstvertrauen in Sachen “authentisch sein” ist, dass wir einen Großteil unseres Lebens damit verbringen, Erwartungen zu erfüllen, die unser Umfeld an uns stellt – bewusst oder unbewusst: Da sind unsere Eltern, unsere Freund:innen, Vorgesetzte und schließlich unsere eigenen Kinder oder gar die ganze Gesellschaft – alle haben Erwartungen an uns, für die wir in verschiedene Rollen schlüpfen, um sie zu erfüllen.
Das Problem an der Sache ist nur: Beim Highspeed-Rollenwechsel vergessen wir oftmals, welche Erwartungen wir eigentlich selbst an uns und unser Leben haben und damit auch, wer wir wirklich tief in unserem Inneren sind. Dazu gesellt sich die Angst, was passieren könnte, wenn wir den Erwartungen von Außen mal nicht gerecht werden (wollen), wenn wir anecken und Gefahr laufen, von jemandem deshalb nicht akzeptiert, gemocht oder gar bewertet oder verurteilt zu werden. Oft ist es diese Angst, die uns davon abhält, zu uns zu stehen und ganz wir selbst zu sein. Und dabei ist so viel für uns drin, wenn wir Authentizität zu unserem täglichen Begleiter machen.
Zum Thema Erwartungen erfüllen haben wir einen separaten Blogbeitrag geschrieben, schaut gerne mal rein: Erfüllt leben oder Erwartungen erfüllen?
“Einfach” ich selbst sein
Jetzt wo wir geklärt haben, warum es uns oft schwer fällt, durch und durch wir selbst zu sein, lasst uns den Blick darauf werfen, was für Vorteile es mit sich bringt, wenn wir uns nur trauen…
Authentische Menschen leben im Einklang mit sich selbst – mit dem, was tief in ihrem Inneren vor sich geht und dem, was sie der Außenwelt präsentieren. Sie stehen zu ihren Stärken und Schwächen, sie zeigen offen, wenn sie mal einen schlechten Tag erwischt haben, bleiben ihren Überzeugungen und Werten treu und vermitteln ihrer Umgebung somit ein glaubhaftes Bild ihrer Persönlichkeit. Sie wirken auf uns wahrhaftig, offen, entspannt und natürlich. Um authentisch zu sein ist es wichtig, die eigenen Werte, Gefühle und Bedürfnisse zu (er)kennen, sie anzunehmen und den Mut aufzubringen, sie auch auszuleben und für sie einzustehen. Und ja: Das fällt uns in der Praxis oft schwer.

Aber im Gegensatz zum ständigen Sich-Verbiegen erzeugt echte Authentizität keinen Druck. Schließlich sind wir keine Schauspieler:innen, die rund um die Uhr eine Rolle verkörpern, sondern waschechte Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten. Authentisch durchs Leben zu gehen wird mit deutlich mehr Leichtigkeit und weniger Stress belohnt. Auch unser Umfeld wird erkennen, wenn wir mit uns im Reinen sind. Im besten Fall reagieren unsere Mitmenschen sogar positiv darauf, wenn wir eine echte und wahrhaftige Version von uns mit der Welt da draußen teilen.
| Genau diese Erfahrung machen viele Teilnehmende bei unserem Workshopformat „Mut zur Menschlichkeit“: Dass es nicht darum geht, „besser“ zu werden – sondern ehrlicher. Sich selbst wieder näher zukommen und den Mut zu haben, sich authentisch zu zeigen. Wenn ihr Lust habt, euch selbst ein Stück näher zukommen und gemeinsam Räume für echte Begegnung zu schaffen, dann seid dabei. Alle Infos findet ihr hier: Mut zur Menschlichkeit – Warum sich Authentizität im Arbeitsleben auszahlt |
Schluss mit dem Verstellen, rein ins echte Leben!
Ihr seht: Hinter dem Wort Authentizität schlummert nicht nur die Legitimation, uns selbst endlich anzunehmen und unsere Gedanken und Gefühle öfter mit der Außenwelt zu teilen, sondern ein ganz neues Lebensgefühl. Damit auch ihr in Zukunft authentisch(er) durchs Leben gehen könnt, gibt es hier ein paar kleine Denkanstöße, die euch auf dem Weg dabei helfen werden:
- Findet euch selbst: Was kann ich richtig gut und was nicht? Was macht mich glücklich? Was will ich und was will ich nicht? Was ist mir im Leben wichtig? Wie bin ich, wenn ich alleine bin? Bei welchen Personen und in welchen Situationen kann ich ganz ich selbst sein? Diese Fragen helfen euch dabei, euer wahres Ich zu entdecken und ein neues Selbstbewusstsein zu erlangen.
- Legt eure Masken ab: Nehmt euch ein paar Minuten Zeit und vervollständigt den folgenden Satz: „Manchmal tue ich so als ob…” Schreibt ohne Punkt und Komma auf, was euch durch den Kopf geht, und wiederholt diese Übung so oft ihr könnt. Welche Erkenntnisse zieht ihr aus euren Antworten?
- Nehmt euch Kinder zum Vorbild: Wenn ich meinen Sohn und meine Tochter beim Spielen beobachte, denke ich oft, dass wir als Kinder wohl die authentischste Version unseres Selbst waren. Als Kind machen wir uns noch keine Gedanken darüber, was andere von uns halten könnten. Was könnt ihr daraus für euch mitnehmen?
- Nehmt euch selbst nicht so ernst: Menschen, die auch mal über sich selbst lachen können, sind nicht nur entspannter, sondern wirken auch noch sympathisch auf ihr Umfeld. Statt also ständig darauf erpicht zu sein, alles perfekt machen zu wollen und unserer Rolle gerecht zu werden, sollten wir uns lieber zugestehen, Fehler zu machen und manche Situationen mit Humor zu nehmen.
- Vergesst die anderen: Dank Social Media fällt es uns immer schwerer, uns nicht ständig mit anderen Menschen zu vergleichen. Auf dem Weg zu uns selbst ist es allerdings wichtig, die Scheuklappen in dieser Hinsicht anzulegen. Immerhin ist das, was wir von anderen Personen wahrnehmen, ebenfalls nur eine Maske oder ein Filter und sehr oft eine optimierte Version, die für die Außenwelt bestimmt ist.
- Überwindet eure Angst: Um euer wahres Selbst voll und ganz ausleben zu können, solltet ihr schleunigst eure Angst vorm Anecken ablegen – auch wenn es schwer fallen mag. Denn Fakt ist: Ihr müsst nicht von allen gemocht werden und es ist vollkommen egal, was andere von euch denken – sie urteilen so oder so (und übrigens sagt das in den meisten Fällen sowieso mehr über die Personen selbst aus als über euch).
- Zeigt Gefühle und setzt Grenzen: Authentisch sein bedeutet auch, die eigenen Gefühle nicht zu unterdrücken. Auch wenn wir uns nicht in jeder Situation vollkommen gehen lassen können, so sollten wir lernen, möglichst offen mit unseren Gefühlen umzugehen und sie mit unserem Umfeld zu kommunizieren. Genauso wichtig ist es, seine persönlichen Grenzen zu artikulieren, denn: Auch authentische Menschen müssen sich nicht alles gefallen lassen.
- Lieber kleine Schritte statt große Sprünge: Aller Anfang ist schwer – auch der Weg zur Authentizität. Statt euch also von heute auf morgen einem kompletten Wandel zu unterziehen, solltet ihr mit kleinen Schritten anfangen.

Meine Schwiegereltern waren damals übrigens hin und weg. Sie meinten sogar, dass sie meine Art sehr erfrischend und sympathisch finden. Dass sich durch meine Direktheit, Analysationslust und Willenskraft in den 17 Jahren hin und wieder auch Reibereien ergeben haben, lässt sich nicht leugnen, aber die dadurch entstandene Klarheit und damit einhergehende Echtheit in der Beziehung wissen zum Glück alle zu schätzen. Letztlich kann ich stolz sagen: zum Glück habe ich mich damals nicht verstellt! Es lohnt sich also, zu sich selbst zu stehen und dem wahren Ich einen Platz am Tisch (der Schwiegereltern) zu reservieren.