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Es ist nie zu spät, ein gutes Jahr gehabt zu haben

Es ist nie zu spät, ein gutes Jahr gehabt zu haben.

Es kommt immer anders als man denkt. Oder heißt es nicht viel eher: Es kommt immer anders, wenn man denkt?
Oft strukturieren wir alles so sehr, dass wir vor lauter Plänen und Terminen vergessen, dass das wahre Leben einfach so an uns vorbeizieht, wir es verpassen, uns entwöhnen oder vor lauter Gedanken die Gefühle vernachlässigen.
Doch das Leben lässt sich nicht auf einem Reißbrett zeichnen und haargenau vorausplanen. Es geschehen unvorhergesehene Dinge, überall lauern die schönsten Höhenflüge und eben auch die grauesten Tiefschläge. Beruflich wie privat.
Zwischenmenschliche Beziehungen entstehen oder gehen auseinander. Man findet sich neu oder Wege trennen sich für immer. Krankheiten, Tod und Trauer sind leider auch allgegenwärtig, auch, wenn unsere Gesellschaft das oft nicht wahrhaben will und diese Themen unter den Teppich kehrt. Auf der anderen Seite feiern wir leidenschaftlich gerne Feste des Lebens, Hochzeiten, Geburten, schwören uns gegenseitig ewige Freundschaft und Treue, genießen den Augenblick. Das eigene Energielevel und die Gesundheit sind mal hoch und wir sprühen vor Tatendrang und Ideen, mal sind wir niedergeschlagen und wissen nicht weiter. Alles kommt und geht. Entsteht und vergeht. Wie sagt mein Papa so schön? „Das Leben ist ein Abenteuer mit garantiert tödlichem Ausgang.“
Das ist normal und absolut in Ordnung. Wir sollten unsere Vorstellung und die Erwartung an das perfekte Leben, das allumfassende Glück auf eine realistische Ebene bringen und wahrnehmen, was ist – samt allen Facetten, die zum wahren Leben eben dazugehören. Nur so können wir wahrhaftig reflektieren und uns bewusst entscheiden, wie wir mit den verschiedenen Lebensphasen umgehen können.

Jeder von uns steckt mal in einer Krise und hat das Gefühl, dass das eigene Leben und all die Vorstellungen, die wir davon hatten, wie ein Scherbenhaufen vor einem liegt.
Gedanken und Gefühle ändern sich, Pläne werden von heute auf morgen verworfen, neue Herausforderungen warten darauf, angenommen zu werden, Bestehendes wird hinterfragt – nur so hat man die Chance, neu zu starten. Und genau das ist der einzige Weg, wenn man das Gefühl hat, in einer Sackgasse gelandet zu sein, wenn man nicht weiter weiß und vielleicht sogar so richtig auf die Fresse gefallen ist.
Dann heißt es: Aufstehen, Dreck abklopfen, Kopf nach oben, Luft holen, Anlauf nehmen und neu durchstarten.

Und so abgedroschen es klingen mag, ja, auch wenn man all die zerbrochenen Kleinteile der eigenen Pläne, Gefühle und Vorstellungen in den Händen hält, gibt es Hoffnungsschimmer, neue Chancen und Gelegenheiten all das von einer anderen Perspektive aus zu betrachten und etwas daraus zu ziehen und zu lernen.

Läuft bei mir.

Dachte ich mir all die letzten Jahre. Ich war und bin ein echtes Glückskind, habe die Gabe, Optimismus an den Tag zu legen, lösungsorientiert zu denken und Menschen zu begeistern. Vieles, was gut lief, war für mich selbstverständlich. Schicksalsschläge und Sinnkrisen waren mir fremd. Doch auch ich durfte dazu lernen. Nämlich, dass nichts auf dieser Welt und nichts in diesem Leben sicher und für immer ist. Das ist unfassbar schmerzhaft, aber ebenso auch wichtig und daher gut so!
Der Fluss des Lebens packte mich dieses Jahr mit aller Wucht. Er hat mir wilde Abenteuer gezeigt, mich in gefährliche Tiefen hinab gestürzt und dann wieder plätschernd friedlich durch die schönsten Landschaften getragen. Ich hätte untergehen und ertrinken können, ich habe mich aber dazu entschlossen, spontan surfen zu lernen. Auch, wenn das Wasser unerträglich kalt war!

Die Inventur des Ichs.

„Ich bin verletzlicher, als ich dachte, aber stärker, als ich es mir je träumen ließ.“
Ein schönes Zitat von Tedeschi und Calhoun, welches ich im Buch „Option B“ passend dazu gefunden habe.
Krisen können einem selbst viel zeigen. Man lernt sich von einer völlig neuen Seite kennen. Vorausgesetzt, man lässt es zu und ist gewillt, daraus zu lernen. Das wollte ich. Und wie!
Ich nutzte diese Phase, in der all das, was ich für richtig, wichtig und stetig hielt, in Frage gestellt wurde, um eine komplette Inventur zu machen. Mir wirklich Zeit zu nehmen. Eine Auszeit – nur für mich. Alleine sein. All ein: Nur mit mir, meinen Gedanken, Gefühlen, Ängsten, Bedürfnissen, Ideen und Wünschen.
Eine Bestandsaufnahme des eigenen Lebens zu machen: Wann hat man schon einmal die Chance dazu? Nur muss man sie auch nutzen, denn das bedarf ganz schön Mut und Kraft! Reflexion und sich rein mit sich selbst zu beschäftigen ist wirklich anstrengend. Aber definitiv das Wertvollste, was man für sich selbst tun kann.
Die Route wird neu berechnet: Es ging also los auf einen Roadtrip zu mir selbst. Ziele überdenken, neu stecken, spontan entscheiden, intuitiv handeln. Wow, das ist intensiv!
Ich habe es nie über die 1,60 Meter Körpergröße geschafft, aber dieses Jahr bin ich dennoch immens gewachsen. In erster Linie über mich hinaus. Und das ist ein großartiges Gefühl.

Am Ende bleibst nur du.

„Zeit ist krass, aber du bist krasser.“ Das sagte eine gute Freundin zu mir. Eigentlich ist es genau das, was man nicht hören möchte in solch einer Phase, nämlich, dass Zeit alle Wunden heilt. Ob das so ist, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, dass sich der Bezug zu den Tiefen des Lebens, zu den beklemmenden Gefühlen und Ängsten verändert. Abstand – räumlich und zeitlich – lässt vieles in neuem Licht erscheinen. Das ist ein schleichender Prozess und das glaubt man am ersten Tag, an dem dir der Boden unter den Füßen weggerissen wird, in keinster Weise.
Aber es stimmt. Plötzlich lässt es sich leichter atmen, man wacht morgens auf und hat den Schimmer einer Idee, wie es vielleicht weitergehen könnte, man beginnt wieder, die kleinen schönen Dinge wahrzunehmen, die man vorher im tiefen schwarzen Loch noch nicht einmal gesehen hat.
Und ein Zauberwort ist unter anderem: Selbstfürsorge.
Sich selbst als das Wertvollste anzuerkennen, was man hat, sich selbst lieben zu lernen ist ein essentieller Schritt zu mehr Vertrauen in das Leben. Sich in kleinen Portionen jeden Tag etwas Gutes zu tun, die Seele zu streicheln, sich selbst aufzubauen ist so immens wichtig für die eigene Genesung.
Und letztlich war und ist das die wichtigste Erkenntnis für mich in diesem Jahr:
Ich bin meine Basis.
Es ist schön und wunderbar, wenn im Außen alles rund läuft, ich einen erfüllenden Job habe, eine gesunde Familie, eine schöne Partnerschaft, ein gemütliches Zuhause. Aber wenn ich nicht bei mir bin, bringt mir das letztlich alles nichts und ich nehme das Leben nur durch einen Schleier wahr. Wenn ich mich kenne, wenn ich weiß, dass ich bei mir bin und mich auf mich verlassen kann, dann kann mich wenig bis kaum etwas so wirklich erschüttern. Und das musste ich erst auf die harte Tour lernen und bin im Nachhinein sehr dankbar dafür.
Braucht man Unglück, um Glück zu spüren? Das werde ich oft gefragt.
Nach diesem Jahr kann ich aus vollem Herzen sagen: Jein.
Ich hätte all diese Erfahrungen nicht unbedingt gebraucht, dafür waren sie wirklich turbulent und auch anstrengend. Aber ohne sie hätte ich so einige Erkenntnisse nicht gehabt, welche ich heute nicht mehr missen möchte.

Wir sollten uns öfter berühren lassen.

Wir wissen ja, wie das Spiel läuft: Wenn eine Tür sich schließt, geht irgendwo auch wieder eine auf. Nur müssen wir diese auch erstmal sehen, den Spalt, durch den das Licht fließt, erkennen, den Mut aufbringen, leicht dagegen zu tippen, sie ein Stückchen weiter zu öffnen und dann sogar hindurchgehen?
So war es natürlich auch dieses Jahr: Überall lauerten neue Chancen, tolle Angebote, Projekte, Anfragen, Aufträge, spannende Köpfe mit neuen Ideen. Ich bin unendlich dankbar für all die Möglichkeiten und auch für meinen Mut, immer wieder neue Dinge auszuprobieren und mich selbst aus meiner Komfortzone zu katapultieren.
Dazu gehört auch mein diesjähriger TEDx Talk, den ich in Düsseldorf zum Thema „The Future of Happiness“ halten durfte.
Der rote Faden, der sich durch meinen Vortrag zieht, handelt von den Emotionen und Begegnungen in unserem Leben und wie wertvoll es ist, diese zu erkennen und zu gestalten. Sich selbst und seinen Mitmenschen wahrhaftig zu begegnen, sich gegenseitig achtsam wahrzunehmen und das Leben mit allen Facetten und in vollen Zügen zu genießen – das sind letztlich die Momente, auf die wir am Ende glücklich zurückblicken können. Wie auch die Anekdote in meinem Talk erkennen lässt und was sowieso das Learning meines ganzen Jahres ist: Das echte Leben schreibt einfach die besten Geschichten. Man muss es nur (zu)lassen.
Schaut euch den Talk >> HIER << an!

Fuck your Masterplan!

Genau hier setzt auch mein hauptsächlicher Tipp an, der mir geholfen hat, vieles gelassener zu sehen, nicht zu verkrampfen, mein Leben nicht zu zerdenken und von all den Plänen abzusehen, denn es kommt doch sowieso anders, wie oder wenn man denkt. Also kann man auch getrost sagen: Fuck your Masterplan!
Denn auch, wenn in der Theorie alles stimmt und durchdacht ist, kann es von heute auf morgen auf den Kopf gestellt werden. Eine harte Bewährungsprobe für das Glück.
Das Leben macht doch eh was es will. Und das ist gut so.
Dann scheint manchmal alles in Bruchteilen vor einem zu liegen, wie all die Mosaik-Steinchen, die ich mir als Mitbringsel von einem Spaziergang in meiner Auszeit mitgebracht habe. Zu Hause angekommen, habe ich sie neu geordnet. Neu zusammen gesetzt. Individuelle Muster sind entstanden. Ein eigenes Kunstwerk. Anders als vorher, das ist klar. Aber mindestens genauso schön – wenn nicht sogar schöner, eben weil ich es selbst in die Hand genommen und neu gestaltet habe.
Und dann kommt das Leben und rüttelt die Steine wieder durcheinander. Wieder anders, wieder neu, wunderschön. Ich sehe zu und staune. In erster Linie freue ich mich aber auf alles, was kommt. Denn ich habe das Vertrauen und die Zuversicht, dass es schön und bunt wird. Spannend bleibt es auf jeden Fall. Danke, liebes Leben!

Dies ist ein Beitrag von Gina Schöler zur Blogparage von Dr. Ilona Bürgel.