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Ein offener Brief an die Deutsche Bundesregierung

Ein offener Brief an die Deutsche Bundesregierung:

Sehr geehrte Frau Angela Merkel, sehr geehrte Damen und Herren, ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber: Ich habe Sie aus ganzem Herzen vermisst!

Die letzten beiden Tage am 03. und 04.10.2019 hat in Paris die Konferenz der OECD „Putting Well-Being Metrics into Policy Action“ stattgefunden, die maßgeblich unsere Zukunft beeinflusst und viele wichtige Menschen und Entscheider zusammen gebracht hat, welche sich für eine bessere und gerechtere Welt einsetzen.
Eine Welt, in der das Wohlbefinden mehr zählt als der Profit. Eine Welt, in der Menschlichkeit über der Macht steht.
Es war nicht nur eine inhaltlich spannende und wichtige Konferenz, sondern es gab auch emotional wichtige Themen, Aspekte und Beispiele aus dem echten Leben, die ich vor allem auch mit meinen Gesprächspartner*innen in unserem Panel „Engaging parliamentarians, the public, and the media“ erlebt und angesprochen habe. Das Interesse war riesig, der Austausch vielseitig, die Stimmung hoffnungsvoll und voller Tatendrang!

Ich bin ehrlich:
Ich habe Sie, liebe Vertreter der Deutschen Regierung, dort vermisst! Wo waren Sie die letzten beiden Tage? Ich hätte Sie gerne in Paris getroffen und mich mit Ihnen ausgetauscht, so wie ich es mit vielen anderen Politikern getan habe, die mich auch des Öfteren nach Ihnen gefragt haben.
Nach einer Nacht drüber schlafen, mit Kollegen und Vertrauten über die Erfahrungen der letzten beide Tage sprechen und für mich darüber reflektieren, welch spannende Inhalte ich auf dieser Konferenz gehört habe, macht sich so etwas wie Enttäuschung breit:
Wie kann es sein, dass ich tatsächlich die einzige Vertreterin aus Deutschland bei diesem großen OECD Event zu solch einem für unsere Zukunft so enorm wichtigen und nachhaltigen Thema war? Das sind unter anderem die großen Fragen unserer Zukunft:
Wie können wir neben dem Bruttoinlandsprodukt Wohlstand messen? Wie kann Wohlbefinden der Menschen zu einem ernstzunehmendem Indikator werden und vor allem auch umgesetzt werden?
Island, Finnland, Niederlande, Kanada, Neu Seeland, Italien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Schottland, Wales, UK – sie alle und noch viel mehr waren mit Vertretern der Regierung dort, die Initiativen vorstellten, von Erfolgen, Rückschritten, Reaktionen und Erkenntnissen berichteten, sich offen austauschten und gegenseitig inspirierten. Die sich wirklich dafür interessieren und einsetzen.
Wieso bin ich als Privatperson mit der unabhängigen Initiative „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ die einzige geladene Instanz aus Deutschland?
Wo sind unsere Initiativen der Regierung, die verstanden haben, dass das „höher, schneller, weiter und mehr“ nicht (sozial) nachhaltig und zeitgemäß ist? Die das auch ganz oben auf ihrer Agenda haben? Da gab es doch mal das ein oder andere Projekt vor Jahren – Wo sind die Ergebnisse, wo ist die Implementierung, die gelebte Umsetzung? Und wenn es sie geben sollte: Wo ist die bodenständige, verständliche und transparente Kommunikation darüber, so dass wir es alle verstehen, sehen und erleben, was ggf. bereits getan wird? Wo sind die Vorbilder, die sich das weiterhin und aus vollem Herzen auf die Fahne schreiben und sich dafür einsetzen?

Verstehen Sie mich nicht falsch:
Für mich ist es die größte Freude und Ehre zwischen Regierungsvertretern aus allen Herren Ländern auf der Agenda aufzutauchen, auf der Bühne zu stehen und mit ihnen zu sprechen, wie wir das Glück und Wohlbefinden der verschiedenen Ländern und der Welt fördern können – dennoch bleibt ein fader Beigeschmack und die Enttäuschung über mein eigenes Land, dass wir hier noch soviel aufzuholen haben und dass die Prioritäten noch so anders gesetzt sind.

Zusammenfassend ist zu sagen – und das waren auch die abschließenden Worte von Martine Durand der OECD (und das sagte sie als Director of Statistics!) – dass es nun genug gemessene Zahlen, Umfragen, Erkenntnisse und Indikatoren gibt. Wir sind nun bereit, den nächsten Schritt zu gehen und in die Umsetzung zu kommen. Die Welt braucht das – mehr denn je!
Es ist gut und wichtig, dass soviel zu Alternativen Wohlstandsindikatoren geforscht wird, darüber nachgedacht, gesprochen und diskutiert wird (außer in Deutschland…)
Aber: Es ist Zeit, einen Schritt weiterzugehen und diese Erkenntnisse umzusetzen! Sie mit Leben zu füllen und sie jeden Tag zu praktizieren: Im Privaten, im Arbeitskontext, in der Bildung, Gesellschaft UND endlich und vor allem auch in der Politik!
Genug geredet, jetzt wird gemacht. Dazu braucht es Mut, auch mal Experimente zu wagen und neuen Ideen Raum zu geben!
Ich bin unendlich dankbar, solche Menschen kennenzulernen, meinen Teil beitragen zu können, zu sehen, wie die Bewegung Fahrt aufnimmt, wie groß das Interesse ist. Und ich bin bereit, das weiterhin in Deutschland zu fördern und zu fordern!

Creating and shaping a happy future: Jeder ist eingeladen, ein aktives Vorbild zu sein!
Ich gehe gerne in der Zwischenzeit hierzulande genau diese Schritte voran, bleibe mit vollem Herzblut dabei und mobilisiere die Menschen selbst für unser Bruttonationalglück aktiv zu werden.
Ganz nach dem Motto: Es gibt soviel zu tun. Wir fangen schon mal an. Wer macht mit?

Sie, liebe Vertreter der Deutschen Bundesregierung, dürfen sich herzlich gerne jederzeit bei mir melden. Ich freue mich über ehrlichen Austausch, über eine Kommunikation und gerne auch Kooperation auf Augenhöhe, wie wir diesen wichtigen Themen und Fragen in unserem Land Raum geben und sie mit Leben füllen können. Ich freue mich darauf!

Abschließend bleibt mir zu sagen:
Danke an die OECD für die Einladung nach Paris und die tollen Gespräche und Begegnungen mit großen Persönlichkeiten wie z.B. Lord Richard Layard (Gründer von Action for Happiness) oder Ohood Al Roumi (Offizielle Glücksministerin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten) uvm.

Die genauen Inhalte, Präsentationen und Videomitschnitte der Sitzungen vom 03. und 04. Oktober in Paris findet ihr hier: www.oecd.org/statistics/putting-well-being-metrics-into-policy-action.htm
Meine Session ist zu finden unter: 4 Oct. 2019 (afternoon) ab 01:59:00

In dieser Folge des ministerialen Podcasts „Das kleine Glück“ gibt es meine ganze Paneldiskussion als Audio zu hören:
Das kleine Glück #51 Wohlbefinden als politischer Richtwert: Paneldiskussion bei der OECD Konferenz (auch auf iTunes und Spotify)

Mein Panel auf dem Foto v.l.n.r.
Liz Zeidler, Chief Executive, Happy City
Chris Ruane, Member of Parliament (United Kingdom) and Chair of the All Party Parliamentary Group on Wellbeing Economics
Gina Schöler, “Ministry of Happiness and Well-being” interactive art and engagement project
Danny Graham, Chief Engagement Officer, Engage Nova Scotia
Mike Ackermans, Editor in Chief and Director of Communication and News, Netherlands Central Bureau of Statistics
Katherine Trebeck, Research Director, Wellbeing Economy Alliance