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Sie sind ein Engel

„Sie sind ein Engel“

Letzten Montag hatte ich eine Begegnung, die mich durch die ganze Woche begleitet und berührt hat. Wir sollten uns generell viel öfter berühren lassen.
Es ist Montagabend und ich muss noch schnell in den Supermarkt. Hab etwas für das Abendessen vergessen. Es ist so langsam Feierabendtrubel und man hat das Gefühl, dass halb Deutschland am Wochenende den Kühlschrank leer gefuttert und am Verhungern ist, so sehr drängeln sich die vielen Menschen in den Gängen des Marktes. Jeder geht für sich die Einkaufslisten durch, checkt das Handy oder wartet ungeduldig an einer der Schlangen. Niemand nimmt den anderen wahr, jeder ist mit sich, seinen Gedanken und To do’s beschäftigt. Und in all dem hektischen Treiben, dem ungeduldigen Drängeln und hastigem Gewusel steht sie plötzlich neben mir: Eine alte, etwas tattrige Dame. Sie ist unauffällig in beige gekleidet und bewegt sich wie in Zeitlupe. Niemand sieht sie. Ihre Augen sind müde und schauen ein wenig durch mich durch. Mein Herz pocht und ich habe einen Kloß im Hals. „Kann ich Ihnen helfen?“ Ihre Augen blitzen auf. Oh ja. Sieben Mandarinen, bitte. Dann legen wir gemeinsam ganz behutsam die schönsten Mandarinen auf die Waage und ich verstaue sie ihr im Rollator. Ob sie ansonsten noch Hilfe braucht? Nein, nein. Ich schaue etwas fragend und gehe dann davon. Sie kann sich nur sehr langsam bewegen und so bin ich schnell auf und davon im Gewusel verschwunden. Kurz vor der Kasse fällt mir ein, dass ich ja noch Putzmittel brauche. Also zurück. Und da finde ich sie wieder, in der Waschmittelabteilung. „Na, da kann ich Ihnen ja doch nochmal helfen!“ Und dann suchen und finden wir das richtige Waschmittel, was sie seit Jahrzehnten benutzt, wie sie mir stolz erzählt. Weiter geht’s, ich nehme sie mit zur Kasse. Eine Packung Schokolade für den jungen Mann, der ihr immer die Post mitbringt, darf ich auch noch aus dem Regal holen. Dann wird sie unruhig und fängt ein wenig an zu zittern. Das Portemonnaie. Wo ist es? Ich räume ihr in aller Ruhe ihre kruschtelige Tasche aus und da ist es. Wir stehen still und es fühlt sich an als seien wir in einer Wattewolke verschwunden, während außenrum das Feierabendchaos tobt. Sie hält inne. Schaut mich mit ihren grauen Augen an und dann kommt der Satz, der mich fast zu Tränen rührt: „Sie sind ein Engel.“

Ich weiß nicht so recht, was mich so berührt hat: Dass sie so alleine und hilflos ist? Ob ihre Angehörigen wissen, wie es um sie steht und dass sie kaum noch alleine klar kommt? Erinnert sie mich an meine Großmutter? Ist es die Fassungslosigkeit, dass es ansonsten niemanden zu interessieren scheint und ich die Einzige bin, die sie sieht und hilft? Oder ist es ihre überraschte Dankbarkeit, die mich realisieren lässt, dass es für sie etwas Außergewöhnliches zu sein scheint – und genau das macht mir am meisten Angst: Ist es das wirklich? Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass wir stehen bleiben, innehalten, wahrnehmen, uns menschlich begegnen und einander helfen? Egal, wie eng der Zeitplan ist, wie groß die To-do-Liste oder wie dringend der nächste Termin. Diese Begegnung hat mich sehr wenig „Zeit“ gekostet, aber mir unendlich viel gegeben. Vor allem zu denken. Und nicht nur mir. Denn als ich zu Hause ankam und diese Begegnung Revue passieren ließ, fiel mir etwas auf:
An der Kasse stand ein kleines Mädchen neben mir und der Dame in der Schlange. Das Mädchen war in etwa sieben Jahre alt, hielt einige Dinge in den Händen, die wohl noch schnell eingekauft werden mussten und war mit ihrer gestressten Mutter unterwegs. Dieses Mädchen stand da und schaute uns staunend zu. Ich habe es kaum bemerkt, so sehr war ich damit beschäftigt, den Geldbeutel zu suchen und die Dinge auf das Kassenband zu legen. Das Mädchen schaute und staunte, sie verstand, dass diese alte Dame und ich uns nicht kennen und ich „trotzdem“ helfe. Diese Blicke des Mädchens habe ich nun erst im Rückblick vor Augen und auch diese berühren mich. Auf dass diese Szene ihr erhalten bleibt und sie sich später daran erinnert. Ihr kennt das sicher: Manchmal hat man ganz bestimmte Situationen vor Augen, welche, die vor Ewigkeiten geschehen sind und vielleicht nichtig erscheinen, aber für immer bleiben. Ich hoffe, dass diese Omi und ich für dieses Mädchen für immer bleiben.

Wir sollten uns generell viel öfter berühren lassen. Und andere berühren. Das tat ich, indem ich die Hand der alten Dame zum Abschied kurz streifte, ihr in die Augen sah und alles Liebe wünschte. „Passen Sie gut auf sich auf.“ sagte ich zu ihr, bevor ich auf dem Absatz kehrt machte und nach Hause ging. Die Tränen im Auge. Sie sagte nichts, ein Lächeln blieb.

„Sie sind ein Engel.“ Mit diesen Worten im Ohr ging ich nach Hause. Diese Begegnung war eine dieser sanften Berührungen im Herzen. Wir sollten uns generell viel öfter berühren lassen.