Volle Kraft voraus

Es gibt Tage, an denen das Leben so zäh wie Kaugummi zu sein scheint. Tage, die wie eine Mauer vor uns aufragen und uns die Aussicht auf das weite Panorama dahinter nehmen. Tage, an denen unser Vorrat an Optimismus und Leichtigkeit aufgebraucht scheint. Tage, an denen unsere Augen zu müde sind für das Lächeln derer, die uns begleiten.
Neulich war ein solcher Tag, an dem ich spät und erschöpft aus dem Büro nach Hause kam. Ich stehe mitten in einem großen Veränderungsprozess, in dessen Zuge ich auch schon vor geraumer Zeit die Entscheidung getroffen habe, meinen Job aufzugeben. Zwischen der Kündigung und dem tatsächlichen Arbeitsende lag jedoch viel Zeit. Und mit jedem Tag beanspruchte das Neue, dem ich die Tür geöffnet hatte, mehr Raum und rang immer stärker mit dem Alten, das momentan noch meinen Alltag bestimmt.

Nun sind es nur noch wenige Wochen, bis das Alte Vergangenheit wird und doch drängt es sich gerade jetzt noch einmal in den Vordergrund. Es gibt noch so viel tun, um gut abschließen zu können, dass es mir manchmal schier den Atem raubt, weil ich nicht weiß, wie ich das jemals in der verbleibenden Zeit schaffen soll. Es erscheint mir oft unmöglich! Und an jenem Tag schien das Ende besonders unerreichbar.
Erschöpft, wie ich war, entschied ich mich dennoch, im letzten Tageslicht noch Laufen zu gehen. Es war ein ganz spontaner Impuls. Der milde Sommerabend lockte mich nach draußen. Ich lief los, den Fluss entlang, der tiefroten untergehenden Sonne entgegen. Der Himmel war in ein warmes Orange getaucht, auf der Wasseroberfläche spiegelten sich die Wolken in zarten Rosatönen und das Wasser selbst schien flüssiges Silber geworden zu sein. Das hohe Gras am Ufer wiegte sich golden glänzend in einer sanften Brise und über allem schien ein durchsichtiger, alles besänftigender Schleier gelegt. Allein dieser Anblick holte mich zurück in den Moment, die Schönheit des Augenblicks hatte meine Reset-Taste gedrückt und auf einmal fühlte ich neue Kraft und begann immer schneller zu laufen.

Auf meiner Strecke lag eine Allee, an deren Ende eine Brücke kreuzte. Etwas unterhalb davon ging der Weg direkt am Fluss weiter und eigentlich hatte ich diesen schon eingeschlagen. Doch dann ließ mich etwas innehalten und, ohne wirklich zu wissen, warum, verspürte ich plötzlich den Drang durch die Allee zu laufen. Ich kehrte um und als ich dann zwischen den Baumreihen entlanglief, wurde mir klar, dass dieser Weg gerade mein Leben symbolisierte. Ich war jetzt auf dem richtigen Weg. Es lag noch ein ganzes Stück vor mir und meine Beine waren schon etwas müde, aber ich konnte das Ende schon sehen und die Strecke, die bereits hinter mir lag, war weitaus länger. Zurückzugehen war keine Option mehr. Ich hatte schon so viel erreicht, nun musste ich einfach nur weiter geradeaus laufen- nichts weiter. Es war ganz einfach.
Ein warmes Gefühl von Glückseligkeit, Erleichterung und – ja – Frieden erfasste mich plötzlich, dass ich mein Tempo ohne Mühe beschleunigte.

Es zog mich voran, meine Beine schienen sich von allein zu bewegen. Ich begann zu lächeln und beglückwünschte mich innerlich selbst zu meiner Entscheidung. Ein seltenes Gefühl des Stolzes erfüllte mich, über die Strecke, die ich bisher gegangen war und den Mut, den eingeschlagenen Weg noch einmal zu ändern, um meinem Herz zu folgen.
Und genau in diesem Moment – kurz vor dem Ende der Allee – kamen mir zwei junge Männer entgegen. Vielleicht war es das Lächeln in meinem Gesicht, vielleicht nur eine Laune – was auch immer, nur ein Zufall war es sicher nicht. Einer von beiden grinste mich an, hob erwartungsvoll seine linke Hand, als wir einander passierten und rief mir zu: „High five!“ Intuitiv reagierte ich in einem Bruchteil von Sekunden und wir klatschten uns ab, ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken. Ich glaube, er war selbst ziemlich überrascht, dass ich den Scherz mitgemacht hatte und stotterte nur ein „Wow, cool!“ hervor. Ich lachte und lief weiter – mit einem verdammt breiten Grinsen auf dem Gesicht. In Gedanken schickte ich ihm noch ein Dankeschön hinterher für diesen einzigartigen Moment, den er vermutlich gar nicht als so außergewöhnlich wahrgenommen hatte, der für mich allerdings nicht hätte passender sein können: Auf der Zielgeraden ein High Five vom Leben!

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